Die Nacht im Bunker Muggenburg

Am Vormittag des 18. August 1944 klingelte die Briefträgerin in der Tritonstrasse 14 und händigte dem 18-jährigen Günter Unger seine Einberufung zur Wehrmacht aus. In der gleichen Nacht erlebt er den Horror des Krieges, als der Bremer Westen im Bombenhagel in Schutt und Asche zerfiel. Im Tagebuch beschreibt er seine Nacht im nahen Bunker Muggenburg.

Günter Unger gehörte nicht zu den Jugendlichen, die mit letzten Einsatz für den „Führer“ kämpfen wollten. Der Einberufung hatte er mit „gemischten Gefühlen“ entgegen gesehen. Auf Anraten seines Vaters meldete er sich für eine Nachrichten-Einheit. Dort dauerte die Ausbildung länger. Vielleicht hofften die Ungers, bis dahin sei der Krieg zu Ende. Sechs Wochen zuvor war die Invasion in der Normandie erfolgreich gewesen, Stalingrad war gefallen, die Wehrmacht kämpfte nur noch in Rückzugsgefechten. Doch Günter Unger war auch ein Kind seiner Zeit, er notierte: „Deutschland kämpft um sein Leben, der Bolschewist fletscht seine Zähne.“

Der Weg zum Bunker
„Wie gewöhnlich gehen wir auch heute ins Bett, nachdem wir die Luftlage des Reichsrundfunks angehört haben. ‚Über dem Reichsgebiet befindet sich kein feindlicher Kampfverband.‘ Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass ein baldiger Alarm ausgelöst wird.

22.35 Alarm! Raus aus dem Bett, noch schlief ich nicht. Runter in die Küche, Schuhe stehen schon bereit, wie immer, Hemd, Jacke, Hose, alles bereit.Das Rad steht angespannt im Flur, d.h. meine Büchertasche und Mutters Rucksack hängen am Lenker. Drei Minuten nach dem Alarm bin ich draußen und radle los. Luftlage anzuhören, ist im Augenblick unwichtig, ich muss nämlich zusehen, dass ich rechtzeitig am Bahnübergang bin, da ab ¾ Elf wohl 15 bis 20 Minuten ein Zug dort rangiert. Ich müsste dann ganz hinten herum fahren.

Unterwegs schalte ich das Licht ein, da mich sonst die Leute anrennen, meistens benutzen sie ja die Fahrstraße.[Damit verstieß er gegen den Befehl zur Verdunkelung, A.S.] Am Bunker Muggenburg angekommen, habe ich viel Zeit. Das Rad schiebe ich nach hinten und stelle es an die Treppenhauswand.“

Im Bunker
„Der Bunkerordner bittet die Herrschaften, den Bunker aufzusuchen oder nach Hause zu gehen. Vater kommt inzwischen mit dem bei Harjes abgestellten Gepäck an, während Mutter längst ihren Platz im 3. Stock eingenommen hat. Durch die Öffnung in der Bunkermauer dringt die Stimme von ,Tante Holzbein‘. So genannt, weil das Zeichen der Bremer Kreisleitung vor der Durchgabe der Luftlage das Ticken eines Metronoms ist. ‚Mehrere Feindflugzeuge über See, Entfernung 50 Flugminuten‘. Also Zeit genug.

Ich gehe auf meinen Platz. Frau Voß und Herr Haupt, der Rätselmann sind bereits da, im 2. Stock begrüße ich August Igenhardt aus der Melanchthonstraße, unseren Milch- und Molkereiwarenhändler, seine Frau und seinen Vetter. […] Endlich ist es durchgedrungen. Die dunklen 15 Watt-Lampen dürfen durch helle Birnen ersetzt werden, sofern die Leute diese mitbringen. Die Frauen sind nun zufrieden, dass sie Strümpfe stopfen können, was bei dem dunklen Licht nicht möglich war. Lesen kann man nun auch, ich habe mir Illustrierte mitgebracht, die Vater jede Woche bezieht. Sogar ein Ventilator steht in einem der Nachbarräume. Die Hitze ist ja nicht immer würdevoll zu ertragen, Kragen werden abgelegt, Jacketts und Pullover ausgezogen.

13. Dezember 1943, Treffer in der Straße Auf der Muggenburg, im Hintergrund der Bunker

Herr Kökes, jung an Jahren und mit klarer Stimme, gibt als Bunkerwart ab und zu die Luftlage durch. Die Uhr rückt gegen 24 Uhr vor. ‚Viele Feindmaschinen im Anflug auf unsere Stadt‘. Draußen ist es klar. 00.00 Uhr: ‚Die Kampftätigkeit über unserer Stadt hat begonnen‘. Man hört aber nichts. Ich löse noch Kreuzworträtsel und Wortketten.“ […]

Der Angriff
„Jetzt kommen die schrecklichsten Minuten. Flak schießt. Bomben. Bomben. Krachen. Bersten. Die angelehnten Luftklappen fliegen auf. Druck in den Ohren. Leute rücken zusammen. Baldrian. Ziehen sich an. Würden am liebsten hinauslaufen. ‚Ruhe doch!‘ schallt es aus vielen Kehlen und immer wieder. Die Nerven zittern, ohne dass man es will. Bomben. Bersten. Krachen. Juchen und Schreien der Leute, Klatschen an der Bunkermauer. Beben und Schaukeln des Betonklotzes, unaufhörlich. Man sieht in der Tat die Wände wackeln. Licht flackert. Luftklappen gehen wieder auf. Starker Druck in den Ohren. Heulen, Bumsen, Stampfen. Bänke wackeln. Leute kreischen, Männer gebieten Ruhe. Unbeschreibbares Chaos draußen. Unser Haus, unser schönes Bremen […], das Fahrrad hinterm Bunker. Wenn bloß erst Schluß ist! Das Licht ist verlöscht, Bunkerinsassen sind unruhig, bei jedem Einschlag, der die Wände wackeln läßt. Kreischen aus Frauenkehlen. Bunkerwart versucht zu beruhigen. Die Dunkelheit ist unheimlich. Taschenlampen blitzen auf. […] Immer noch Krachen, Einschlag auf Einschlag. Der Bunker ist sicher, 4 Meter 20 Decke hatte er verkündet, der Bunkerwart.[…]

Geschmack nach Mauerwerk, Trockenheit und Wärme machen jeden schlapp und matt. Der Schweiß rinnt in Strömen von allen Körperteilen. Immer noch Bumsen draußen, aber geringer. Null Uhr 20. ‚Luftlage‘ gibt es nicht mehr, da der Strom ausgefallen ist. Ist die Gefahr nun vorüber oder nicht? […]  Klappen müssen zum Teil geschlossen bleiben, da Rauch herein dringt. Dringt in die Kabinen und vermischt sich mit Staub und Kalk. Bleiche Gesichter, so sitzen sie auf den Bänken in Gruppen zusammen. Reden laut miteinander, die Luft wird also noch schlechter. Die Filter sollen bedient werden.

Brause gibt es unten im Erdgeschoss zu kaufen. Raus kann niemand. Die Türen sollen kaputt sein.“ […]

Ausharren im Bunker
„Mal nach unten gehen. […] Funken und glühende Teilchen peitschen durch den Gang vor der Gasschleuse, die Flammen sieht man züngeln, niemand kann sich ihnen entgegenstemmen. Womit denn auch? Etwa mit der Luftschutz-Handspritze? Eine Sintflut könnte vielleicht die Brände zischen lassen und auslöschen. Nichts anderes. Ohnehin führen die Leitungen sowieso kein Wasser. Aussichtslos, sich hinaus zu wagen. Wohin denn auch? Wo ist denn ein Durchkommen? Der Himmel ist glutrot.“

Draussen
„Der Morgen graut, jetzt kann man es wagen. Vater und ich ziehen also los. Am Weserbahnhof entlang, wo ich vor kurzem noch die Aufnahmen machte. ‚Aufpassen, hier herüber!‘, schreit jemand, der hohe Giebel ist nahe am Einstürzen. Niemand kann retten, erst recht nicht löschen. Der Himmel ist grau verhangen wie an einem Regentag im Herbst. Rauch beißt in den Augen und bringt sie zum Tränen. Gasmaske habe ich zu Hause gelassen, sie würde schützen. Wo man hinsieht, links und rechts, weit und nah, überall Vernichtung. Wiederaufgebautes nach den Dezember-Angriffen ist erneut vernichtet. Bis jetzt kein heiles Haus in Sicht, wenn das so weitergeht…

Mehrere Meter tiefe Bombenkrater auf den Straßen, in den Gleisanlagen. Die Häuser sind zusammengefallen und haben Feuer gefangen. Die Eisenbahnschienen liegen zerfetzt umher oder ragen drohend in die Höhe. Kokshaufen sind in helle Rotglut geraten und strahlen eine unerträgliche Hitze aus. Rauch verschlägt einem fast den Atem. Stark halten, nicht hinfallen und liegenbleiben. Laufen um das Leben an Stellen schwerer Feuer, wo der aufgekommene Sturmwind den beißenden Qualm vermischt und mit einem sprühenden Funkenregen über den Weg pustet. Alles ein Feuer. Über Schutt zusammengestürzter Häuser, über abgebrannte Bomben weiter. […] Und jetzt weiter, immer wieder diese Hindernisse, Drähte der Oberleitungen von der Straßenbahn, Lichtmasten, alles ein Gewirr, ein wüstes Durcheinander. Backsteine füllen die Straßen. Ein Ortsunkundiger würde dauernd im Kreis laufen. Lloydstraße – kein Durchkommen. Steinbrügge & Berninghausens Holzlager in Flammen!“

Alles verbrannt
„Am Gröpelinger Deich schieben wir uns näher der Tritonstraße zu. Jörres zusammengestürztes Haus. […] Unsere Häuser in der Tritonstraße stehen – ja – aber sie stehen leer. Ruinen. Im ehemaligen Gemüsekeller glimmt noch ein kleines Häufchen Asche. Sonst restlos alles weg. Alles.

Die Tritonstrasse mit dem Haus Unger

Alles kaputt. Das ganze Inventar, unsere schönen Möbel, auf Bildern kann ich sie nun jahrelang besehen. Mein Geburtshaus, Bremen, Tritonstraße 14, ist ausgestorben. Pflanzen verbrannt, Der Lebensbaum ein stockiger Besen aus Zweigen. Hortensien – alles. Das Gitter aus Holz ist nicht verbrannt. Tief blickt man in den Keller, beißt die Zähne zusammen und muß den Schmerz überwinden. Es geht nicht anders. […] Die schöne Flurgarderobe aus Messing hängt als krummes Gestänge noch an der Wand, mehr ist nicht zu sehen. Alles war vergebens. Die ganze Arbeit am Haus, seine ganze Pflege. Das Eingemachte ist weg. […]

lm Hof ebenfalls alles verbrannt oder versengt. Der Birnbaum – kahles Geäst. Dazu schleppten wir bei seiner Blüte Hunderte von Eimern Wasser an seine Wurzel, nur damit er ansetzt. Prall leuchteten die herrlichen Früchte der ‚Guten Louise‘. Nun liegen sie als Dörrobst auf dem ehemaligen Rasen – unbrauchbar. Das Hühnerhaus beherbergt sieben tote Hennen, die uns so fleißig gedient hatten und so liebevoll gepflegt worden sind.“

Der Wehrmachtsbericht
„Am Hulsberg hören wir Radio. Den Wehrmachtsbericht. Mal hören, was da gemeldet wird. ‚Einzelne Flugzeuge‘ kann es wohl kaum heißen. Dagegen aber: ,Feindlicher Bomberverband führte in der vergangenen Nacht einen Terrorangriff gegen Bremen. Es entstanden Schäden und Verluste unter der Bevölkerung.‘ Und die Abschüsse? Gleich Null. Das ist ja eine Schweinerei. Wo waren denn die Nachtjäger?

Da steht ein Parteimensch mit der roten Büchse. Wer hat Lust zum Geben?? Wir jedenfalls nicht. ‚Wir haben alles verloren‘. Das genügt, um die Klapperei verstummen zu lassen.“

Dieser Text beruht auf den unmittelbaren Tagebucheinträgen von Günter Unger aus dem Jahr 1944. Fast 50 Jahre später bekamen wir eine Abschrift auf neun eng beschriebenen Seiten. Für das Heimatmuseum hat Achim Saur diese Ausschnitte ausgewählt, die Fotos stammen aus dem Bildarchiv des Geschichtskontors.