Gesundheitskarte Seeleute

Zahnschmerzen auf hoher See und kein Zahnarzt an Bord, das kann sehr unangenehm werden. Wie wichtig ist da ein Gesundheitscheck an Land. Die Konfrontation gestandener Seeleute mit der jungen Sekretärin des Hafenarztes Dr. Fallinger ist allerdings nicht weniger abenteuerlich. Da wird aus der Geschlechtskrankheit „Schanker“ schon schnell einmal „Shanghai“. Anita Jerzembeck erinnert sich an die 70er Jahre im Gesundheitsamt.

In seinem Buch „Brauchen Doktor an Bord“ [Ullstein Verlag, 1986] hat der Bremer Hafenarzt Horst Fallinger aus seinem Berufsleben erzählt. Hier eine vergnügliche Kostprobe, auch wenn sie kaum den heutigen Kriterien von Political Correctness entspricht.

„Auch in ganz anderer Hinsicht muss ein Hafenarzt oft von der landesüblichen Indikationsstellung Abstand nehmen. Das hängt nicht nur mit den unterschiedlichen Tauglichkeitsmaßstäben für den Seemannsberuf zusammen, sondern auch mit den unterschiedlichen Vorsorge- und Überwachungssystemen der einzelnen Länder.

In Deutschland muss jeder Seemann, vom Decksjungen bis zum Kapitän, alle zwei Jahre die »Gesundheitskarte machen«, das heißt, er wird vom Vertrauensarzt gründlich untersucht, ob die gesundheitlichen Voraussetzungen für die Seediensttauglichkeit gegeben sind. Ist das aus irgendwelchen Gründen nicht der Fall, wird ihm die Gesundheitskarte vorübergehend oder auch endgültig entzogen. Ohne sie aber kann er nicht mehr zur See fahren, denn jeder Seemann auf einem deutschen Schiff muss eine gültige Gesundheitskarte haben. Köche und Stewards werden sogar jedes Jahr untersucht, weil sie bei Vorliegen einer Infektionskrankheit für die anderen Besatzungsmitglieder eine besondere Gefahr darstellen würden.

Anderswo ist das alles ganz anders! Es muss jedenfalls anders sein, denn sonst wäre nicht auf manchen Schiffen eine Anhäufung von Invaliden anzutreffen, die man nach europäischen Maßstäben nicht einmal als Passagiere mitnehmen würde, geschweige denn als Arbeitskräfte.

Es gibt eben Länder, in denen die Armut so groß und die allgemeinen sozialen Verhältnisse so schlecht sind, dass es das große Los ist, als Seemann angeheuert zu werden, damit an Bord seine klimatisierte Unterkunft und regelmäßige Verpflegung zu haben und im reichen Ausland in Second-Hand-Läden billig einzukaufen, was man dann zu Hause mit Gewinn teuer verkaufen kann.

Mit der Arbeit wird man das schon irgendwie hinkriegen, schlimmstenfalls muss man eben als »Topas« schuften, das ist auf indischen Schiffen trotz des schön klingenden Namens der Unterste in der Schiffshierarchie, nämlich der Mann, der die Toiletten der anderen Mannschaften sauberzuhalten hat (nicht etwa die der Offiziere, das ist schon ein ausgesprochener Vertrauensposten für bewährte Leute).

Für dieses große Los tun die Leute schon einiges, und die einfachste Gewinnformel heißt natürlich Bakschisch. Vermutlich ist eine ganze Bakschisch-Kette dafür erforderlich: Der Bewerber zahlt an den Serang, der sich meist Leute aus seinem Dorf wählt, weil er es an Bord mit ihnen einfacher hat als mit Fremden. Der Serang zahlt an den Heuerbaas, der von der Reederei den Auftrag hat, die erforderlichen Seeleute auszusuchen; und der Heuerbaas zahlt an einen Personalbearbeiter der Reederei, damit ihm dieser Auftrag erhalten bleibt.

So sind alle zufrieden, der mehr oder weniger invalide Seemann nicht zuletzt deshalb, weil er so – und vermutlich nur so – die Möglichkeit sieht, seine Gebrechen, die er zunächst tapfer herunterspielt, im Lauf der Reise einem Arzt vorführen zu können.

Und dann hocken sie eines Tages in der Sprechstunde: Rheumatiker mit verkrümmten Wirbelsäulen, Arthrotiker mit knirschenden Gelenken, Diabetiker mit haushohem Blutzucker, Emphysematiker, die kaum Luft kriegen, Kurzsichtige, die alleingelassen nicht mal ihren Dampfer wiedererkennen würden, und immer wieder Zahnkranke, die nach jahrzehntelanger Karies nur noch ein halbes Dutzend Zähne haben und sich praktisch nur mit Brei ernähren.

Alle sind nach unseren Maßstäben nicht im entferntesten seediensttauglich, und man müsste sie, wenn man auf sein ärztliches Gewissen hören würde, abmustern und entweder in ein Krankenhaus einweisen oder nach Hause schicken.
Aber offenbar hat jedes Gewissen, auch das ärztliche, seine Grenzen, und zwar da, wo die Realität die Grenzen zieht. Wäre das nicht so, würde jeder Hafenarzt allmonatlich eine ganze Rheumaheilstätte und diverse andere Fachkliniken mit ausländischen Seeleuten füllen, und das wäre weder sinnvoll noch praktikabel.

Die andere Möglichkeit, die Leute aus Mitleid mit ihren Beschwerden abzumustern und heimzuschicken, hätte für sie existenzvernichtende Wirkung. Sie würden zwar schleunigst zum heimatlichen Flugplatz geflogen werden, aber schon dort fände meist jede Versorgung und Fürsorge ihr Ende. Man hätte ihnen mit dieser Entscheidung sozusagen das große Los, das sie bereits in Händen hielten, wieder entrissen. Denn auch mit christlicher Nächstenliebe kann man manchmal viel Unheil anrichten.

So bleibt dem Hafenarzt nichts anderes übrig als das, was man etwas verschämt »symptomatische Therapie« nennt; er wird dem Kranken, soweit es möglich ist, mit ambulanten Mitteln Erleichterung verschaffen, ohne aber sein Grundleiden bessern zu können.
Würde er einen der beiden anderen Wege gehen, würde die angestrebte Menschlichkeit de facto zu Unmenschlichkeit werden. Auch diese Erkenntnis gehört zu dem gesunden Fachverstand, den man bei einem Hafenarzt voraussetzen muss.

Noch eine andere Erkenntnis sollte er gewinnen, die zwar nicht ganz so dramatische Folgen verhindert, aber doch wichtig ist, weil sie Peinlichkeiten erspart. Das ist das Wissen um die unterschiedliche Schamhaftigkeit der Völker. Bei den Nordeuropäern hat die Schamhaftigkeit praktisch Miniformat erreicht, wogegen auch gar nichts einzuwenden ist. Das spart Zeit und erleichtert alles, beispielsweise eine Impfung, wenn die Dame den Reißverschluß ihres sommerlichen Walla-Walla-Kleides von oben bis unten aufzieht und dann, sozusagen im Freien stehend, haucht: »Ich wusste gar nicht, dass Sie nur den Oberarm brauchen.«
Man muss nur wissen, dass anderswo ganz andere Sitten herrschen.

Bei einem einfachen indischen Seemann, der wegen Erkrankung an seinem Genital zur Untersuchung kommt, muss man praktisch um die Öffnung jedes einzelnen Hosenknopfes kämpfen. Und auch der als Dolmetscher mitgekommene Zweite Offizier ist offensichtlich von so tiefer Schamhaftigkeit erfüllt oder nimmt auf die seines Schutzbefohlenen so rührend Rücksicht, dass er sich nach einigen einleitenden Worten sofort mit dem Rücken zum Zimmer ans Fenster stellt und für weiteres nicht mehr ansprechbar ist. Ganz bestimmt ist er nicht mehr dazu zu bewegen, sich umzudrehen und zu erläutern, wo es dem Patienten weh tut. Der aber lässt die ganze Untersuchung nur mit größtem Widerwillen über sich ergehen. Wenn man ihn glücklich so weit hat, dass er den Reißverschluss oder wenigstens die Mehrzahl der Hosenknöpfe geöffnet hat, hält er krampfhaft beide Hände schützend vor seine „private parts“ (wie die Engländer diese Organe so treffend nennen) -, ganz so, als hätte man schon ein Skalpell gezückt.

Muss man womöglich sogar einen Harnröhrenabstrich machen, was sich ja manchmal für eine klare Diagnose nicht vermeiden lässt, schaut er einen – sobald er begriffen hat, was man mit ihm vorhat – mit dem entsetzten Blick eines waidwunden Rehs an, der einen noch lange verfolgt. Zugleich ruft er schrill vor Angst seinem Offizier eine Frage zu, der aber steht wie ein Denkmal am Fenster und dreht sich auch nicht einen Zentimeter um, sondern schaut interessiert zu, wie unten die Eisenbahn rangiert.
Was einen an diesem Verhalten der indischen Patienten – das man natürlich voll akzeptieren muss – nur etwas verwundert, ist der Umstand, dass gerade in ihrer Heimat schon vor über einem Jahrtausend das Kamasutra, das älteste indische Lehrbuch der Liebeskunst, geschrieben wurde, das ja nun an Deutlichkeit, wenn auch poetisch verschönt, nichts zu wünschen übrig lässt. Und auch die vielen hundert steinernen Figuren, die an weltberühmten Tempeln, zu denen Millionen Menschen pilgern, die im Kamasutra beschriebenen Künste plastisch demonstrieren, lassen eigentlich nicht darauf schließen, dass die Menschen dort sinnenfrohem Treiben abgeneigt waren. Oder dass die alten Bildhauer mit geschlossenen Augen an den Figuren meißelten und ihre Models dauernd die Hand vor die „private parts“ hielten.

Aber vielleicht ist es ja so, dass die alte Weisheit: »Tempora mutantur, et nos mutamur in illis« (zu deutsch: »Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen«) nicht nur für das einzelne Individuum gilt, sondern auch für ganze Populationen. Aus eisernen Legionären sind schließlich auch schmachtende Papagalli geworden, der Furor teutonicus tobt sich im Dritten Programm aus, und auch die Superlovers aus dem Fernen Osten sind eben schamhaft geworden. Aber ich will nicht abschweifen.“

Interview: Frauke Wilhelm mit Anita Jerzembeck; 2005
Schnitt / Text: Birgitta Herzer 2008
Foto: Bremen Logistic Group, Brockmöller