Kampfplatz Schnoor

Der ganze Schnoor in den frühen 50er Jahren war eine „Wüste Stätte“. Der Senat wollte das Viertel mit dem Schnoor-Statut restaurieren, „König Richard“ aber plante ein Hochhaus mit Freiflächen. Hätte der mächtige SPD-Fraktionschef Richard Boljahn, der „König“, sich durchgesetzt, wären wie im Stephaniviertel die letzten winkeligen Gassen aus der Altstadt verschwunden. Diesmal aber nicht aufgrund der Bomben des Zweiten Weltkriegs, sondern im blinden Eifer des Wiederaufbaus.

Als Olaf Dinné 1959 nach seinem Berliner Architekturstudium nach Bremen zurückkehrte, fiel sein Blick auf der Suche nach einer neuen Bleibe nicht zufällig auf das Schnoorviertel. Es war die Zeit, in der auch unter den Stadtplanern ein neues Nachdenken über die Stadtentwicklung einsetzte. Das Stichwort lautete „Urbanität“. Nach dem hektischen Bauboom der 50er Jahre entstand eine neue Sensibilität, die mit Irritation die Verödung der Innenstädte nach Schließung der Geschäftshäuser genau wie in den neuen Satellitenstädten registrierte.

In einem Kreis von Architekten, Planern und Politikern hatte der Volkswirtschaftler und Soziologe Edgar Salin dieses Thema 1960 auf dem Deutschen Städtetag in die Diskussion eingeführt. Und der Jungarchitekt Dinné entdeckte diese Urbanität, ungeachtet des miserablen Bauzustands, nicht zufällig gerade im Schnoor mit seinen verwinkelten Gassen und Sträßchen.

Doch der Konflikt um den Schnoor gefährdete das letzte Eckchen Altstadt. Zwischen den Modernisten und Traditionlisten unter den Architekten und Stadtplanern tobte ein erbitterter Streit, der auch in der Bürgerschaft ausgetragen wurde. Richard Boljahn als Aufsichtsratvorsitzender der gewerkschaftseigenen GEWOBA und auch seine „Hausarchitekten“ vertraten eine an das Bauhaus angelehnte Architektur, die Traditionalisten und der Bremer Denkmalpfleger wünschten sich eine an den „Bremer Stil“ angepasste Bauweise.

Das im Februar 1959 beschlossene „Gesetz btr. die Konservierung des Schnoorviertels und der Umgebung der Johanniskirche“ sicherte ein Stück Bremer Urbanität. Als aber der Tourismus das Viertel zu überschwemmen begann und „Schicki-Micki-Läden“ wie Pilze aus dem Boden schossen, verliessen Olaf Dinné und etliche Künstler den Schnoor. Dass der spätere SPD-Dissident und Grünen-Mitbegründer Dinné anschliessend ins Ostertorviertel zog und dort den Jazzkeller „Eule“ ins Leben rief, das zeigte Kontinuität. Auch dort befand sich aufgrund des geplanten Brückendurchbruchs für die „Mozarttrasse“ ein Sanierungsgebiet mit dem Charme des Unfertigen. Hier blockierte ein Veränderungsstop die Erhaltung der alten Bremer Häuser. Dass sich Dinné hier zum erfolgreichen Vorkämpfer gegen die Mozarttrasse entwickelte, war kein Zufall. Im Schnoor hatte er Erfahrungen gesammelt.


Jusos bei „König Richard“, Zeichnung von Olaf Dinné, 2011

Interview: Achim Saur
Schnitt: S. Müller
Fotos: Geschichtkontor; Henry Schmidt, Ludwig Hübener