alles war knapp

Die  Versorgung mit allen Gütern verschlechterte sich dramatisch, das Hungern begann für die Menschen erst nach dem Krieg. In Westdeutschland fielen nach Kriegsende  50% der Getreide- Kartoffel- und Fleischlieferungen weg, da die "Kornkammer" und der "Kartoffelkeller" des Landes in Ostdeutschland, also der sowjetisch besetzten Zone lagen.

Doch der Zusammenbruch der gesamten deutschen Wirtschaft betraf nicht nur die Lebensmittelversorgung. Auch Kohle, Genussmittel und Kleidung gab es nur noch auf Marken. Die Rationen konnten den tatsächlichen Bedarf bei weitem nicht decken. Eine Umfrage unter 51 000 Bremer Schülerinnen und Schülern aus dem Jahr 1947 ergab: "Nur jedes 5. Kind war ausreichend gekleidet. Es fehlten Oberbekleidung, vor allem Unterkleidung und Strümpfe." Ein besonderes Problem waren die Schuhe, die Umfrage ermittelte, dass 624 000 Unterrichtsstunden "wegen Schuhmangels" ausfielen - weil die Notlösung, zu klein gewordene Schuhe vorne abzuschneiden, für den Winter nicht taugte.

Ein Klassenfoto von 1948 veranschaulicht, welche Folgen das für die Kinder hatte: Von Schwester zu Schwester weitergereichte Röcke, die zu Kleidern umfunktioniert wurden, ausgeleierte Strümpfe, zerlöcherte Schuhe...
 

Am schlimmsten war jedoch der ständige Hunger. Das notwendige Minimum an Kalorien für einen Erwachsenen liegt bei täglich etwa 2000 Kalorien, die Lebensmittelkarten und Bezugsscheine teilten ihnen aber nur 1500 Kalorien zu, so bestimmte die ständige Suche nach Essbarem den Alltag. Lediglich für Schwerarbeiter und und Schwerkranke gab es Zulagen auf Anweisung des Arztes.

Doch auch diese 1500 Kalorien wurden selten erreicht: 1946/ 1947 sank die Tagesration in Bremen für einige Monate  sogar auf 900 Kalorien täglich.

Viele Kinder bekamen nicht genug zu essen, Reihenuntersuchungen aus dem Jahr 1946 ergaben, dass  70% der Schulkinder unterernährt waren. 4500 kamen regelmässig in die Schule, ohne vorher gefrühstückt zu haben, für viele Kinder waren die Schulspeisungen ab März 1946 die einzige Mahlzeit des Tages.

Obwohl die Menge ab 1948 schrittweise erhöht wurde und andere Zuwendungen den Kindern zugute kamen, reichte dies kaum aus, um den Energiebedarf Heranwachsender zu decken. 

Unter den Bedingungen ständiger Mangelernährung und unablässigen Hungers lernen zu müssen, war schwierig. Das Jugendamt versuchte, dem entgegenzuwirken.



Die Menschen versuchten sich selbst zu helfen, so gut es eben ging. Eine Möglichkeit war Tauschhandel auf dem Schwarzmarkt. In Sigrid Bauermeisters Familie rauchte niemand. Und so konnten sie die zugeteilten Zigarettenmarken "hochwertig" umgetauschen.. Zum Beispiel gegen Öl, das einen hohen Gegenwert hatte und eine Reserve darstellte,  um es gegen dringender benötigte Lebensmittel einzutauschen. Schwarzhandel im Kleinen. "Jeder hat versucht, irgendetwas für die Familie zu bekommen. Die haben gekungelt, alle untereinander." Sigrid Bauermeister berichtet auch von der Beschaffung von Lebensmitteln: "Da waren Obstbäume, die hatten wir schon am Tag ausgemacht. Da sind wir dann nachts hin und haben  Pflaumen, Äppel und Birnen geklaut, dann die Hosen unten zugebunden mit Schnürsenkeln"; so wurde das Obst in den Hosen nach Hause transportiert. Und dann war da noch der Besatzungssoldat "Clearance", der ihr "irgendwas zusteckte". Selbst liebgewonnene Haustiere, wie Kaninchen, fielen dem Hunger zum Opfer: "Das war doch der Hansi".

Kinder taten sich nicht nur zum gemeinsamen Spielen in der Trümmerlandschaft zusammen. Sie gingen auch gemeinsam auf die Suche nach Essbarem. Nach dem Krieg hatten die Eltern kaum Zeit, ihre Kinder rund um die Uhr zu beobachten und sie vor allen Gefahren zu bewahren, zu sehr waren sie mit der Lebenserhaltung der Familie beschäftigt. Jugendeinrichtungen gab es nicht. Die Kinder waren weitgehend für sich selbst verantwortlich, passten auf sich selbst aber auch aufeinander auf, schlossen sich zusammen. Sigrid Bauermeister wohnte in einer "kinderreichen Ecke: Wir waren Jungens und Mädchen querbeet. Wir haben am Bahndamm gespielt und auch dieses und jenes gemacht." Dieses und Jenes konnte durchaus ziemlich abenteuerlich ausfallen:

Der Sprung aus 5 bis 7 Metern Höhe: Eine Mutprobe, die mit einer Erbsensuppe belohnt wurde. Aus heutiger Sicht erscheint das Verhalten der Schiffmannschaft nicht sehr kinderfreundlich, vielleicht sogar grausam. Hatten sie doch eine Meute Kinder vor sich, die Hunger hatten. Aber statt ihnen die Suppe einfach zu überlassen, knüpften sie das Sattwerden an die Bedingung, einen waghalsigen Sprung zu riskieren.

Doch solche Gedanken kamen wohl den meisten Kindern nicht, weil die Beschaffung von Lebensmitteln immer  eine Art Mutprobe, ein Risiko oder auch nur Arbeit mit sich brachte, ob man nun Besatzungssoldaten zuliebe englische Sätze lernte, in kleinen ungenutzten Flächen Obst und Gemüse anbaute, auf Feldern nach Getreide- oder Kartoffelresten suchte, im Wald wildwachsende Früchte suchte oder nur etwas klaute.Auch Sigrids Eltern waren weit davon entfernt, ihr Kind für solcherlei waghalsige Unternehmungen zu tadeln, im Gegenteil: Die Mutter war froh über jede zusätzliche Scheibe Brot, die durch die Selbstversorgung eingespart werden konnte. Für die Beschaffung von Lebensmitteln, Heizmaterial und was ansonsten brauchbar war, gab es Lob, da die Kinder sich aktiv  an der Versorgung der Familie beteiligten.

Sigrid Bauermeister ist wie viele ihrer Generation damit gross geworden, dass es nichts umsonst gab: "Wenn ich etwas bekomme, muss ich vorher eine Leistung bringen. So bin ich aufgewachsen."

Grundnahrungs-und Heizmittel mussten beschafft werden. Ob sie nun frische Kartoffeln "organisierte",  also mit den anderen Kindern aus dem Waggon auf dem Oslebshauser Verschiebebahnhof geholt hatte, oder noch essbare Kartoffeln mühsam aus einem Feld bereits verdorbener Reste herausgesucht wurden:

Die Suche nach brauchbarer Kohle gestaltete sich ganz ähnlich. Bei Baggerarbeiten in der Weser wurden mit dem Absaugen des Schlicks Kohlereste vom Hafengrund durch die Rohre ans Ufer gespült.  Der Bremer Pressefotograf Georg Schmidt dokumentierte das Geschehen und schrieb: "Mit gekrümmten Rücken standen sie vor der Mündung des Rohres, aus dem der dicke Strahl schlammiger Brühe mit dem schwarzen Gold' quoll. Selber schon über und über mit Schlamm besudelt, fischten sie nach jedem Kohlestückchen."



 

Wenig zu essen, dreimal gewendete Kleider, nichts zum Heizen, eine Kindheit reich an Entbehrungen, nur eine von Leid geprägte Zeit? Der Rückblick von Sigrid Bauermeister fällt überraschend aus:

Eine "glückliche Kindheit und Jugend", aus heutiger Perspektive wohl nur schwer nachvollziehbar. Wie lassen sich der Hunger, das Frieren im Winter und allgegenwärtiger Mangel mit "Glück" zusammenbringen? Es scheint, dass  abenteuerliches Spielen in Trümmern, von niemandem beaufsichtigt, die Mutproben und die notwendige Selbstorganisation ein Gegengewicht bildet. Es ist offenbar mehr als eine Art "Entschädigung" für die kargen Zustände. Vielleicht ist mit "Glück" auch die Erfahrung gemeint, Schwierigkeiten bewältigen zu können und einen Freiraum zu haben, der sie ermöglicht. Vielleicht hat ihr das auf dem Lebensweg geholfen.  Das "Trümmerkind" Sigrid Bauermeister stieg von der Wurstverkäuferin zur erfolgreichen Terminsachbearbeiterin und Kundenbetreuerin auf, die sich ohne Frauenquote während der 60er Jahre in dem von Männern geprägten Umfeld der Stahlwerke durchsetzte und dort 35 Jahre lang beschäftigt blieb.

 


Interview mit Sigrid Bauermeister: Achim Saur
Fotos (soweit nicht anders angegeben): Bildarchiv Kulturhaus Walle
Videoschnitt: Hacky Hackbarth; VIDOC
Audioschnitt, Bildbearbeitung und Text: Sonia Cantú

 

(Katalog zur Ausstellung: "Geh zur Schule und lerne was" 150 Jahre Schulpflicht in Bremen 1944-1994, S.18)

 (aus: Georg Schmidt, Hurra wir leben noch! Bremen nach 1945, Gudensberg-Gleichem, 2001, S.27)