Eine Liebe im „roten“ Westen

Die zahlreichen polnischen Arbeiterinnen auf der Jute waren streng katholisch. Bedingung für eine Heirat war daher, dass für sie nur ein solcher Partner in Frage kam. Das galt in den 1930er Jahren auch in der Familie von Ella Schrader. Und dann kam einer, ohne Glauben und dazu noch Kommunist – das war undenkbar.

Die katholische Kirche von St. Marien von 1898 befand sich inmitten von „Feindesland“: im roten Bremer Westen, einer Hochburg von Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei. Noch in der Gemeindechronik von 1949 schrieb der Chronist der Marienkirche:

„Die Gegner waren vornehmlich die Vertreter und Anhänger der marxistisch-sozialistischen und kommunistischen Weltanschauung, die die Existenz Gottes leugneten und – entgegen dem von ihnen verkündeten Grundsatz, dass Religion Privatsache sei – Christentum und Kirche scharf bekämpften. Es war ja die Aufgabe der Propagandisten, Agitatoren und Zeitungsberichterstatter, Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen zu verbreiten. Und gerade unter der Industriearbeiterschaft in der westlichen Vorstadt fanden sie ein geeignetes Feld für ihre Betätigung. Kirche und kirchliche Einrichtungen wurden verhöhnt, Geistliche lächerlich gemacht, die Schule als Verdummungsanstalt bezeichnet, die Lehrer beschimpft und für unfähig erklärt, Kinder zu brauchbaren Menschen zu erziehen.“

Für die aus ländlichen Verhältnissen stammenden Migranten aber war die Kirche ihrer Konfession eine Stück Vertrautheit und Orientierung in der fremden Welt der Industriearbeit. Und diese Welt bot ihnen ein besseres Auskommen als die Landwirtschaft in der früheren Heimat. So waren sie auch mit Löhnen zufrieden, die in Bremen am unteren Rand der Lohnskala lagen. Organisation in der Gewerkschaft war ihnen im Gegensatz zu den Bremer Arbeitern zunächst noch fremd. Zudem bot die Kirche eine arbeitergeberfreundlichere Alternative, einen katholischen Arbeiterverein.

Die Fronten polarisierten sich. Die sozialdemokratische „Bürgerzeitung“ beklagte sich schon am 23. Januar 1913 bitter über die Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten. Sie interpretierte die Motive der Bremer Arbeitgeber in der Textilindustrie im Anschluß an den Ausspruch eines preußischen Landbarons, der im Reichstag ausgerufen hatte: „Die dümmsten Arbeiter sind uns die liebsten“! Und schlußfolgerte:

„Darum ziehen sie ihre Arbeitssklaven aus dem weiten Osten heran, aus dem Schlaraffenland der Ausbeuterei, aus den schwärzesten Winkeln des Aberglaubens. Warum werden die erforderlichen Arbeitskräfte nicht aus den Reihen der Arbeitslosen genommen, die doch auch hier wie überall in dieser Zeit nach Arbeit verlangen? Man will die hiesige Arbeiterschaft nicht, weil sie zu aufgeklärt ist, weil man sie fürchtet wegen ihrer höheren Ansprüche, wegen ihrer Organisationen, wegen ihrer Solidarität. Alles das hat man von den polnischen Arbeitern aus dem Osten nicht zu erwarten. Sie sind bedürfnislos, sind mit den niedrigsten Löhnen zufrieden, mit den unvollkommensten Einrichtungen, wagen nicht zu mucksen gegen schlechte Behandlung, sind unwissend und unerfahren in sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Dingen, denn man hat sie ja bisher absichtlich von der Schulung fern gehalten. Eine solche Arbeiterschaft lässt sich leichter ausbeuten, eine solche Arbeiterschaft ist wehrlos gegen die Sklaverei des Kapitals, und darum strecken die Kapitalisten mit Vorliebe ihre Arme nach ihnen aus.“

Solche Worte klangen nicht einladend. Vor diesem Hintergrund klingt in dem Satz von Ella Schrader – „Ich sag, ich bin katholisch und dabei bleib ich!“ – mehr an, als nur die Verteidigung ihrer Konfession. Doch auch die war circa 20 Jahre zuvor Ziel eines mörderischen Angriffs eines geistesgestörten protestantischen „Fundamentalisten“ geworden. Und dieses traumatische Ereignis hatte sich im Gedächtnis der katholischen Gemeinde eingebrannt: >>

Interview: Birgitta Herzer, Achim Saur mit Ella Schrader, 2007
Schnitt: Birgitta Herzer, 2008
Foto: Geschichtskontor