Ein verschwundener Stadtteil – Vor dem Doventor

Gegenüber des bremischen Arbeitsamts stand bis in die 1950er Jahre dieser 1900 fertig gestellte neogotische Prachtbau. Als die Industrialisierung in Bremen Fahrt aufnahm, sehnten sich die Bürger zurück in die romatisierten mittelalterlichen Zeiten der großen Dome und Burgen. Die Michaeliskirche bildete das Zentrum der Vorstadt vor dem Doventore. 1945 stand auch hier kaum noch ein Stein auf dem anderen, auch wenn die Kirchenruine das Kriegsende noch etliche Jahre überlebte.

 

 

Schon vor diesem Neubau lag hier rund um die frühere Kirche eine bescheidene Siedlung außerhalb der Mauern der Altstadt. Die Postkarte nach einem alten Stich zeigt noch das Idyll von Mühle und einem Kirchbau, dessen Stil das gerade Gegenteil seines Nachfolgers herausstellte – Bescheidenheit. Nur der kleine Glockentum auf dem Dach zeigt an, dass man sich hier zum Gottesdienst versammelte.

Hinter der Mühle auf ihrem Hügel erstreckte sich bis 1925 der große Doventhorsfriedhof, bis zu den Wallanlagen und den Torhäusern am „Doventhore“. Heute wird dieses Gelände vom Berufbildungszentrum und Arbeitsamt bestimmt. Eine klare Grenze hat die alte Doventorsvorstadt nur zur Altstadt und nach Westen, da bildet die Bahnlinie nach Oldenburg eine klare Trennung zu Utbremen. Nach Osten ging es fließend in die Bahnhofsvorstadt über.

Mit dem nahen Bahnhofsbau erwachte das Gebiet aus seiner Randlage. Das Doventor war nämlich lange Zeit ein „taubes“ Tor gewesen. Von hier aus führte kein Weg in die Orte des Bremer Umlands. Jetzt aber siedelten sich hier Beamte und Angestellte, Handel- und Gewerbetreibende an. Eine Schuhfabrik in unmittelbarer Nähe der Michaeliskirche machte es ganz deutlich, dies war eine bunt gemischte Stadtlandschaft.

In der boomhaft wachsenden Stadt machte sich hier ein Schuhwarenhändler mit drei Filialen von seinen Lieferanten unabhängig und baute 1898 seine eigene Fabrik in unmittelbarer Nachschaft zum gleichzeitig entstandenen neuen Gotteshaus. Und die etwas willkürlich zurechtgebogene Perspektive, der Hafen musste mit ins Bild, legt Zeugnis ab von den Marketingmethoden zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nicht weit entfernt lag am Wandrahm ein anderer wichtiger Nutzbau, die 1870 neu eingerichtete städtische Hauptwache der Feuerwehr mit 70 Mann Besatzung.

Mittendrin als Hauptverkehrsader führte der Doventorsteinweg mit seinen gediegenen Bremer Häusern durch das Quartier. Die Bahnhofsnähe führte zum Bau einiger Hotels, hier eröffneten die Einzelhändler ihre Geschäfte und auch die Wirte hatten hier ihre Lokale. Und wo die Bürenstraße zur Michaeliskirche führte, erinnern die gutbürgerlichen Häuser eher an das alte Ostertorviertel, hier zierte sogar ein Brunnen den kleinen Platz.

Doch nicht weit von dieser Stelle gab es rund um die Michaeliskirche eine Vielzahl verwinkelter kleiner Straßen, die mitunter nur Sackgassen waren und an die Gänge im Stephaniviertel erinnern. Der Blick auf den Stadtplan zeigt, hier gab es nur kleine Grundstücke, die vielen nur eingeschossigen Häuschen mußten eng zusammenrücken.

Ein solcher Gang war auch der Johanniskamp, ein Foto aus unserem Archiv aus den 1940er Jahren zeigt ein Hinterhofmotiv in diesem kleinen Verbindungsweg. Ein Bild wie aus fernen Zeiten, eine ca 65 Jahre alte Frau bei der Hausarbeit in ihrem Geburtshaus.

 

Fotos: Geschichtskontor, das Motiv vom Galgenberg geht auf eine Postkarte von H.Beckmann zurück, überlassen von H.J. Vogel
Text: C. Eckler von Gleich, für das Heimatmuseum bearbeitet von A.Saur