Flanieren im virtuellen Raum

Im Juli 2014 veranstaltete die britische Oral History Society ihren jährlichen Kongreß, diesmal zum Thema „Community Voices: Oral History On The Ground„. Angefragt waren selbstreflektierende Beiträge zur Rolle von Oral History im kommunalen Feld. Wir bewarben uns mit einem Vortrag zu unserer „Philosophie“, aber auch den Grenzen des „Digitalen Heimatmuseums“. Der zweitägige Kongreß war international besucht, zurück kehrten wir mit vielen spannenden Anregungen.

 

Flanieren im virtuellen Raum
Geschichte als „Schauspiel menschlichen Handelns“

Achim Saur, Christine Spiess*

Einleitung
„Digitales Heimatmuseum“ heißt das Ding. Heimat ist ein sehr deutsches Wort: mit „home“ nur dürftig übersetzt. „Heimat“, sagt eine junge deutsche Autorin, „Heimat ist, wo ich die Todesanzeigen lese.“ Also was ist Heimat? Es ist ein emotionales Wort voller Gerüche und Geschmäcker aus der Kindheit. Zugleich ein kontaminierter Begriff, er spielte eine zentrale Rolle in der Ideologie der Nazis. Erst seit kurzem wird der Begriff ganz bewusst nicht mehr der Rechten überlassen. Außerdem verwenden wir „Heimatmuseum“ in Kombination mit der digitalen Welt. „Digital“ verfremdet den Klang von „Heimat“, das Netz ist global und das Gegenteil von Heimat. So annoncieren wir zwei Aspekte: Das Vertraute und das Weltläufige. Manchmal bekommen wir Nachfragen aus den USA von Menschen, die auf der Suche sind nach ihren Bremer „roots“. Aber danach sucht auch der Besucher aus der Nachbarschaft. Denn: Wer nach der Heimat sucht, der hat etwas verloren.

Als „Geschichtswerkstatt“ haben wir diesen Namen nicht zufällig gewählt. Er spiegelt den Charakter unserer Arbeit, wir arbeiten außerhalb der Akademie oder Universität, unser Ziel ist die populäre Vermittlung und Erforschung des Alltagslebens vorrangig der „Kleinen Leute“. Eine Art „Historische Volkshochschule“. Das „Heimatmuseum“ nimmt die Angst vor akademischem Betrieb. Die „oral history“ ist dafür unser wichtigstes Medium. Schon unser Intro kündigt dies breite Spektrum an, die Stimme eines ehemaligen Bürgermeisters hebt sich darin kaum ab.

Das ist eine Einladung zum Flanieren durch die Bremer Geschichte. Im Text neben dem Bild haben wir unser Programm annonciert: „Ein Gang durch das Digitale Heimatmuseum zeigt Motive aus der Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts.“ Anfangs war dieses „Heimatmuseum“ ein Schaufenster, hörten wir eine spannende und exemplarische Geschichte, konnten wir sie veröffentlichen. Wie ein naturkundliches Museum, in dem Stimmen gesammelt wurden. Wir haben Zweifel an diesem Sammeln und Flanieren in der Geschichte bekommen. Es entstand das Bedürfnis, die einzelnen Geschichten zu systematisieren. Chancen und Grenzen dieses Projekts sind Thema unseres Vortrags.

Beim Schneiden der Interviews mit dem unmittelbaren Tönen aus dem Kopfhörer denken wir immer wieder an Marc Bloch. In seiner „Apologie der Geschichte“ spricht er vom „Unterhaltungswert“ der Geschichte. Er schreibt: „Es besteht […] kein Zweifel, daß die Geschichte ästhetische Genüsse besonderer Art verschafft, wie sie keine andere Disziplin hervorbringt. Das liegt daran, daß das Schauspiel menschlichen Handelns […] mehr als alles dazu angetan ist, die menschliche Vorstellungskraft zu fesseln.“ Bloch sprach vom „verführerischen Zauber des Fremdartigen“ und empfahl: „Wir sollten unserer Wissenschaft ihren Anteil an Poesie nicht entziehen.“

Die Poesie der oral history
Wenn Marc Bloch von Poesie spricht, meint er die Spannung, die in historischen Prozessen steckt und in der Erforschung der Zusammenhänge. Wie lässt sich das auf unser Arbeitsfeld übertragen? Die Antwort lautet: Auch die Lebensgeschichten und Erinnerungen unserer Zeitzeugen besitzen einen solchen Spannungsbogen. Und auch in ihrer Wortwahl und Rhetorik ist nicht selten ein überraschendes poetisches Moment enthalten. Unser Intro, die Wort-Splitter, geben davon eine Ahnung. Seltsam fremde Wörter sind zu hören: Wer kennt noch Lohntüten? Und Steinfischer fischen Steine? Ist das DADA oder Geschichte? Ein magischer Reiz geht von den Stimmen aus, die alt klingen und wie von ferne zu uns wehen.

Wir haben unendliche Meter Interviews: auf Tonbändern dokumentiert und transkribiert. Interessant, ohne Zweifel. Aber funkeln sie auch? Welche neuen Möglichkeiten bietet das digitale Heimatmuseum! Man kann die Stimmen hören, den Geschichten lauschen. Statt raschelndem Papier der Reiz der menschlichen Stimme. An drei Beispielen möchte wir zeigen, wie durch die digitale Aufbereitung von Tönen und Bildern eine ganz neue, geradezu literarische Qualität entsteht.

Drei Beispiele
Das erste Beispiel sind Interviews mit uralten Männern, die inzwischen alle nicht mehr leben und am Anfang des 20 Jahrhunderts Steinsetzer lernten. Es ist ihr Lebensthema, sie sind stolz auf ihre Arbeit – aber während des Sprechens verlieren sie den roten Faden, sie springen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Um eine Geschichte zu erzählen, mussten wir ihre Sätze zerschneiden und geradezu als Collage neu zusammensetzen. Aber welcher Verlust wäre es, nicht ihre Stimmen zu hören, alt und knarzig und im beinahe untergegangenen plattdeutschen Dialekt mit seinen bildhaften Worten.

Eine ganz andere Erzählerin haben wir in der folgenden Geschichte: Eine alte Dame, am Ende des Krieges war sie ein Kind und sie erzählt hier vom Hunger und vom Organisieren von Essbarem: Mit anderen Kindern gemeinsam stöbert sie im Hafen einen Waggon voll mit Kartoffeln auf: Und nun erzählt sie ihre Geschichte, als wäre sie ein Profi: farbig, dramaturgisch ausgefeilt, mit Spannung und einer Pointe am Ende. Ein Mann wollte ihr helfen, die Kartoffeln zu tragen. Aber sie weiß genau, wohin das geführt hätte: Er hätte die Kartoffeln, und sie die Pappnase! Eine solche Erzählerin, die Inhalt und Gestaltung so souverän beherrscht, ist ein Glücksfall.

In der dritten Geschichte erzählt eine junge Frau, die in den 80er Jahren von Polen nach Bremen geflohen ist, wie sie die neue kapitalistische Welt wahrgenommen hat, die Überfülle an Waren. Sie findet im Deutschen, gerade weil es ihr immer noch ein bisschen fremd ist, Formulierungen voller Poesie, die einen ganz neuen Blick auf die Wirklichkeit zulassen: Die Milch im Tetrapack beschreibt sie als „Milch, die steht“, denn in Polen holte man die Milch beim Bauern, in Milchkannen natürlich. Und die Ankunft in Bremen erschien ihr „wie Flug zum Mond“.

Geschichte im Dialog
Ich hoffe, wir konnten den poetischen Anteil der „oral history“ zeigen. Dafür aufgeschlossen zu sein, hat einen speziellen Grund. Wir arbeiten im Rahmen der „Soziokultur“, nicht der Universität. Eine neue sozialdemokratische Kulturpolitik forderte und förderte seit den 80er Jahren „Kultur für alle“. Unser history workshop ist Teil des „Kulturhaus Walle“, finanziert vom Kultursenator des Landes Bremen. Darin verfügt der history workshop über eine ganze und halbe Stelle, dazu freie Honorarmittel.

Mit diesen Mitteln arbeiten wir an einer populären Vermittlung von Geschichte für Nicht-Akademiker, einer Aneignung der eigenen Geschichte. In engem Austausch mit den Zeitzeugen arbeiten wir an einer „Geschichte im Dialog“. Ein Dozieren vom Vortragspult ist kein Weg zu den Zeitzeugen. Wir stehen auch unter Druck: In der Konkurrenz der Kultureinrichtungen – auch das Land Bremen muß seine Ausgaben reduzieren – ist Popularität auch ein Kriterium für Erfolg. Dafür öffnete die digitale Revolution ein völlig neues Feld. Wir lernten das Handwerk des Cutters und Dramaturgen. Die Audiokassetten im Keller erhielten eine neue Verwendung. Interviews und Fotos kamen im Video Clip zusammen. Das Heimatmuseum stellt sie aus.

Eine historische Landkarte von Nachbarschaft und Stadt
Wie bewegt man sich auf dieser website? Es gibt den üblichen Zugriff über das Menu und die Verschlagwortung der einzelnen Beiträge.

Solche Schlagworte sind notwendig ungenau, ansonsten müßten wir eine unübersehbare Liste von Begriffen aufführen, was aber wenig nutzerfreundlich wäre. Die beste Option ist für uns die Karte:

Die Farben annoncieren, handelt es sich um Beiträge nur mit Text und Bild, mit Audios oder seltener – weil am aufwendigsten zu produzieren – mit einer filmischen Montage aus Ton und Bild. Diese Karte hat unsere Besucher und Nutzer der website im Auge. Da wir soziokulturell arbeiten, haben wir die Erfahrung, daß sie sich zuerst für die Geschichte oder die Geschichten aus der Nachbarschaft interessieren.

So machen wir Angebote, die Seite ist für alle Themen offen. Es wird über das frühere Baden im Hafen gesprochen, die Arbeit mit Asbest, über die Zwangsarbeit und den Hunger nach dem Krieg. Darin liegt zugleich die Beschränkung dieser Darstellung. Die Karte gibt nur eine geographische Orientierung, auch die Schlagworte ergeben nur viele Stories, keine „Geschichte“. So entsteht ein Potpourri an Themen und Stimmen. Die Orientierung von Link zu Link ergibt keine „Geschichtserzählung“.

Das erinnert an die Bewegung des Flaneurs: ziellos. Die klassische Beschreibung dieses Typs stammt von Walter Benjamin. Er spricht von einem Menschen, „der lange ohne Ziel durch Straßen marschiert.“ Seine Bewegung folge dem „Magnetismus der nächsten Straßenecke“.

Wir glauben: der Internet-User ähnelt dem Flaneur des 19. Jahrhunderts. Die Stories liegen auf der Landkarte wie im Schaufenster. Aber der Internet-Flaneur von heute ist zerstreuter als im 19. Jahrhundert – und schneller. Nach 7 Minuten, das sagt uns Google Analytics, verläßt er das Digitale Heimatmuseum. Das ist aber immerhin mehr, als der öffentliche Rundfunk seinen Hörern zumutet. Da sind schon drei Minuten Wort zuviel.

Trotzdem, wir möchten mehr als sieben Minuten Aufmerksamkeit. Vor allem: wir möchten mehr Zusammenhänge zeigen: nicht nur Interesse an Geschichten, sondern auch das Interesse an Geschichte wecken.

Die Verknüpfung von Besonderem und Allgemeinen – die „Leitstory“

Jetzt haben wir das erste Mal eine „Leitstory“ entwickelt. Dort spielen Links eine wesentliche Rolle zur Systematisierung des Stoffs. Diese erste Leitstory entsteht auf Basis eines Konzepts, das ist ein Unterschied zu den anderen Erzählungen. Speziell diese Konzeptstory hat aber ein Manko: Die Geschichte der Verstädterung umfaßt viele Aspekte, zu denen wir keine Interviews haben. Das liegt daran, daß diese Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt. So ist das Gleichgewicht zwischen Text und Ton gestört. Das stellt die Frage, sollen wir ein solches Thema meiden? Wir denken: nein.

Die Leitstory bringt aber noch eine Veränderung mit sich. Wir sprechen von einer „Geschichte im Dialog“. Wir empfangen Besucher auch außerhalb der Öffnungszeiten, unsere Türen sind aus Glas und stehen offen. Bisher war unser Ehrgeiz, eine exemplarische Geschichte möglichst schnell zu veröffentlichen. Die Recherche der Leitstory „Verstädterung“ erfordert aber viel Zeit. [Noch sind einige Verlinkungen nur annonciert, noch sie warten sie auf Fertigstellung] Sollen wir die Türen jetzt schließen? Zur Zeit muddeln wir uns zwischen den beiden Optionen durch. Aber eins ist unumstritten, wir können uns nicht in einem Institut verbarrikadieren.

Nur ein Zeitzeuge, aber eine komplexe Erzählung
Eine andere Story, die ähnlich umfangreich ist: Sie hält aber das Gleichgewicht von Ton und Text, es sind acht Audios und acht Texte. Der Untertitel des „Heimatmuseums“ lautet ja: „Bilder – Texte – Töne“. Jedes Element sollte ein ähnliches Gewicht haben. Im Trailer zu dem Beitrag ist das Thema – Logistik – markant zusammengefasst: „Ganz früher hieß das: ‚BLG, das Hafenunternehmen an der Schnittstelle Land- See.‘ Heute sagen wir: ‚BLG, der internationale Logistiker mit eigenem Hafen.‘ Also, wir haben das gedreht. Wir sagen: ‚Der Hafen ist wichtig, aber wir können auch andere Logistik-Ketten aufbauen.‘ Auch ohne Hafen.“

Es geht um die Privatisierung des städtischen Hafenbetriebs und seine Verwandlung in einen weltweit operierenden Logistikkonzern. Erzählt von einem ehemaligen Spediteur, der zum Spitzenmanager der Logistik aufstiegen war. Er spricht von persönlichen Aspekten seiner Karriere, aber ebenso von den großen Prozessen der Containerrevolution und der Globalisierung. Ein ungewöhnlich reflektierter und lebendiger Erzähler.

Im Kern liefert er uns ein persönlich gefärbtes Kapitel der Bremer Wirtschaftsgeschichte. Das Audio dient so als Gerüst der Story. In den Texten und Bildern zwischen den Audios erweitern wir die Erinnerungen um Zahlen und die politische Auseinandersetzung um die Privatisierung eines über 100 Jahre alten Kommunalbetriebs. So entsteht eine nicht nur textliche Dramaturgie, ein gleitender Übergang von Audio zum Text. Da kann manchmal, wie Kinomacher sagen, ein Cliffhanger weiterhelfen. Zum Beispiel: Er erzählt, wie sein Arbeitsplatz einmal in Gefahr geriet: „Ich war noch in der Probezeit, und wer wurde zuerst entlassen? Die in der Probezeit.“ Da unterbrechen wir die Erzählung, und geben die Antwort im Text.

Um solche Lösungen zu finden, müssen wir das Audiotranskript direkt in den Entwurf des Textes einarbeiten, die wichtigen Sätze im Audio, vor allem den ersten und den letzten, immer vor Augen haben. Aber das ist nur Handwerk. Eine solche „Fortsetzungsgeschichte“ ähnelt einem Feature. Die Differenz besteht nur darin, daß die verbindenden Texte gelesen und nicht gehört werden. So entsteht in der Auseinandersetzung mit dem Medium Internet eine neue Form der Narration. Disparate Elemente – Audio, Hintergrundrecherche und Bild – müssen in einer Form zusammenwachsen.

Implikationen neuer Narration im Netz
Eine solche Leit- oder Fortsetzungsstory hat Folgen für die Architektur der Homepage: Eine solche Story muß auf der Karte oder im Menü herausgehoben sein. Sonst wird sie nur zufällig gefunden. Es geht um die Herstellung einer Hierarchie unter den Markern auf der Karte. Aber heute, im Juli 2014, sieht der orientierende Marker auf der Karte noch aus wie alle anderen. Wir brauchen einen neuen markanten Marker für solch strukturierende Beiträge, müssen die Legende verändern. Das ist Arbeit für den Programmierer, ein finanzielles Problem für unser low budget Projekt. Gleichzeitig kommt mit der Leitstory noch eine Arbeit auf uns zu: Jetzt haben wir Links in der Leitstory zu den alten Beiträgen. Diese müssen redigiert werden, damit sie

1) keine Wiederholung bringen und
2) auch bei direkten Zugriff verständlich sind.

So bedeutet jede neue Idee für die Architektur der Homepage Programmier- oder Folgearbeiten. Zuerst dachten wir, jede „Short Story“ enthält nur ein Audio mit 2-4 Minuten. Erst später trafen wir Erzähler wie den Manager, die komplexere Erinnerungen auf Band sprachen. Bis dahin gab es auch andere gute Erzähler, von denen wir nicht nur 3 Minuten einstellen wollten. Aber dort konnten wir die interessanten Aspekte verschiedenen Markern zuordnen. Hier die Erinnerung an das „Baden im Fluß“, dort das Thema „Hunger nach 1945“. Eine von Anfang an perfekt gestaltete Architektur der Homepage ist vielleicht ein Ding der Unmöglichkeit. Das audiovisuelle Feld bietet eine Fülle von neuen Kombinationen von Ton, Bild und Text. Die Arbeit mit dem Medium selbst erzeugt neue Erzählweisen und Ideen. Wie sich das Verhältnis von Leitstory oder „Großer Erzählung“ entwickeln wird, seien wir ehrlich, wissen wir noch nicht. Damit ist die Architektur einer solchen Homepage nie an einem Ende. So wie auch die Erzählungen der Zeitzeugen. Ist das ein gutes Ende unseres Berichts? Vielleicht hilft ein Zitat von Berthold Brecht: „Der Vorhang zu, und alle Fragen offen.“

* Christine Spiess ist regelmäßige freie Mitarbeiterin des „Heimatmuseums“ und zugleich Beraterin bei der Projektentwicklung