Große Träume in der „Wohnbude“

Schon in den 1920er Jahren bauten sich die Bremer eine Art Kaisenhäuser im Grünen, auf Erbpachtland der Bauern. Der Senat sah das nicht gerne, duldete diese „wilden“ Siedlungen angesichts des Wohnungsmangels aber notgedrungen. „Wohnbuden“ nannte er diese kleinen Häuschen aus Holz.

 

Aber die waren meist größer als die nach dem 2. Weltkrieg legalisierten Kaisenhäuser, die durften nur 30 Quadratmeter umfassen. Trotzdem war das Wohnen in diesen Häuschen kein Zuckerschlecken.

Friedel Justus wuchs in der „Villa Groß-Gerau“ am Nelkenweg auf, so die stolz-ironische Benennung der Familie. 1928 war Familie Justus aus Groß-Gerau nach Bremen gezogen, auf der Suche nach einem Unterkommen fanden sie ein Heim in einer der wilden Siedlungen auf Erbpachtland – in der Verlängerung der Fleetstraße. Mit einem Kredit hatte ihnen ein Waller Lebensmittelhändler geholfen.  Ihre „Villa“ [Bild oben] zimmerten sie dann aus gebrauchten Türen, Fenstern und Bauholz zusammen. Dort im Nelkenweg träumten sie zusammen mit ihren Nachbarn in ähnlichen „Wohnbuden“ von einem fernen Glück in Brasilien.

Feier der Siedler am Nelkenweg, links außen Johann und Marie Justus, zweites und viertes Kind von links die Schwestern Elfriede und Änne

Die neuen Funde auf den Diamantenfeldern von Minas Gareis waren das Thema, das sie mit den Anderen dort wieder und wieder erörterten. Und in der Hafenstadt Bremen mit ihren Reedereien sollten sich auch Wege zu einer Überfahrt finden lassen. Mit dieser Aussicht ließen sich die widrigen Umstände leichter ertragen, denn die Lebensumstände waren nicht leicht zu bewältigen, im Winter half ein im Herd erhitzter Stein im Bett durch die kalten Nächte:

Bei Familie Justus hatte der Traum vom großen Glück in Übersee einen besonderen Grund. Zwei Brüder von Johann Justus waren bereits nach Brasilien aufgebrochen, der eine besaß dort eine Mühlenfirma, der andere hatte sich auf den Weg zu den Goldfeldern gemacht. Doch so plötzlich wie Johann Justus war kaum einer aufgebrochen:

Zwar brachen zumeist die Männer zuerst auf, um die Familie nach Überwindung erster Schwierigkeiten nachzuholen. Doch Johann Justus blieb verschollen. Was genau im Oktober 1934 passiert war, wird der seinerzeit ungeborene Friedel Justus wohl nie erfahren. Aber fast 70 Jahre später, 2007, tauchte eine Quittung aus dem Jahr 1938 auf. Da bescheinigte der Lebensmittelhändler Huber einem unbekannten Überbringer, daß Vater Justus seine Schulden für den Bau der „Villa Groß-Gerau“ bezahlt hatte.

Trotz alledem gelang es der tapferen Mutter, ihre nun drei Kinder mit vielerlei Mühen – Arbeit auf dem Hof und in der Gärtnerei Bissendorf – groß zu ziehen. In den Kriegsjahren fanden sie Schutz im Bunker von Bissendorf oder bei einem Nachbarn im Nelkenweg, die hatten mit Eisen und Zement ihre eigenen Bunker gebaut. Denn auch die Feldmark war vor Bomben nicht sicher: an der nahen Autobahn befanden sich Flakstellungen, die auch zum Angriffsziel werden konnten.

Hausmusik vor der „Villa Groß-Gerau“

In seiner Autobiographie beschreibt Friedel Justus, was aus dem Wohnbudenkind im Nelkenweg später wurde. Nach dem Krieg folgte „eine abenteuerliche Kindheit in der Nachkriegszeit mit Beutezügen, Kohlenklau, Krankheit und Freunden, die ihm das Leben retteten, er fährt zur See, macht sich als Heizungsbauer selbständig, holt den Meisterbrief nach und bildet schließlich 38 Lehrlinge aus.“ So schreibt der Verlag auf dem Cover seiner Erinnerungen.

Schnitt und Interview mit F. Justus: Achim Saur, 2016
Fotos: F. Justus/Geschichtskontor

Mehr in der Autobiographie von Friedel Justus, 2015 erschienen im Verlag Atelier im Bauernhaus