Kattenturmer „Chaussee“ und Napoleon

„Napoleon, dem müssten wir eigentlich ein Denkmal setzen“, das erzählt der ehemalige Steinsetzer Fredi Kifmeier vom „AK Arster Geschichte(n)“ noch heute mit einem Schmunzeln. In seinen Augen ist die kurze napoleonische Herrschaft in Bremen nicht nur eine „Fremdherrschaft“, sondern zugleich eine Zeit des Fortschritts und der Modernisierung. Das hat auch mit seiner Arster Herkunft zu tun. Und speziell mit der Kattenturmer Heerstraße, die wurde nämlich damals unter napoleonischer Besetzung als moderne französische Fernstrasse, eben als eine „Chaussee“ gebaut.
Wie sah es bis dahin aus, wenn Händler ihre Waren transportieren oder die besser betuchten Bremer auch nur eine Kutschfahrt zu den Ausflugszielen im Bremer Umland antreten wollten? Eine solche „Reise“ war eine strapaziöse Angelegenheit und die Teilnehmer mussten für alle Eventualitäten vorsorgen. Ein ganz schöner Aufwand, wie man beim Bremer Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl nachlesen kann:

„Beile und Stricke wurden in den Wagen gelegt, auch sonst noch allerlei Vorsichtsmaßnahmen getroffen; denn selten ging es ohne einen Schaden, ein Rad- oder Deichselflicken oder sonst ein Abenteuer, ab. Die Wege waren gar zu abscheulich. Kaum war man zum Thore hinaus, so waren sie schon mit Wasser überstanden.“

Der Chausseebau machte die Bremer mit einer ganz anderen Welt des Straßenbaus bekannt. Vor allem in Arsten, denn da erreichte die erste napoleonische Chaussee die alte Hansestadt. Dadurch boomte nun der Bremer Straßenbau und Steinsetzer waren gesucht. Darum ist der Arster Steinsetzer Fredi Kifmeier überzeugt, dass Napoleon für seine Zunft ein Glücksfall war.

Die hohe Kunst des Chausseebaus
Bis weit ins 18. Jahrhundert kann von Straßenbau nicht wirklich die Rede sein – und zwar in ganz Europa. Wohl waren Markt- und Domplätze in den Städten mit Katzenkopf gepflastert, wichtige Fernstraßen aber nur sehr ungenügend mit Findlingssteinen befestigt.

Einen Qualitätssprung bei den Fernstraßen brachte die neue Straßenbaumethode des 18. Jahrhunderts: der Chausseebau. Ein deutsches Wörterbuch von 1793 erklärt diese Neuerung seinen Zeitgenossen folgendermaßen. Eine Chaussee sei „ein durch Kunst gemachter erhöheter Weg von Kieß oder zerschlagenen Steinen.“

Nicht nur die Straßendecke wurde irgendwie mit Findlingen befestigt – der ganze Unterbau der Straße wurde mit Ingenieurskunst aufgebaut und bestand nun aus mehreren Schichten. Dieses Verfahren hieß bei den Steinsetzern „Packlage setzen“. Wie diese Schichten aufgebaut wurden – vom Beginn der Chausseebauweise im 18. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre – beschreibt Fredi Kifmeier.

Schnell breitete sich der Chausseebau über Europa aus. In Paris wurde 1747 sogar die weltweit erste Schule für Ingenieure des Straßenbaus gegründet: die École de ponts et chaussées. Die Straßen im nordwestdeutschen Gebiet verblieben jedoch in einem beklagenswerten Zustand. Die deutsche Kleinstaaterei verhinderte eine zentrale Verkehrsplanung und ein effektives überregionales Straßennetz.


Nordwestdeutschland 1789, vielerlei Interessen zwischen Rhein und Elbe

Das änderte sich, als Napoleon die Gebiete vom Rhein bis Hamburg annektierte und die drei nordwestdeutschen Departements einer zentralen Verwaltung unterstanden.

Die Napoleonchaussee Paris – Hamburg
Napoleon wusste: Um ein Imperium zu beherrschen, ist ein gut ausgebautes Netz von Fernstraßen unverzichtbar – aus ökonomischen und militärischen Gründen. Die Kontinentalsperre sollte den Handel mit England unterbinden und die Konkurrenz englischer Waren ausschalten. Dafür brauchte er Fernstraßen, die den schnellen Warenaustausch in seinem Reich garantierten. Außerdem beschleunigten sie den Transport seiner Truppen. So fiel 1811 die Entscheidung, die „Route Impérial Nr. 3“ auszubauen. Diese „Chaussée Napoleon“ sollte die bestehende Verbindung von Paris an den Rhein schnurgerade bis nach Hamburg verlängern. Und dabei führte sie natürlich durch Bremen.

Bremen 1746, Staatsarchiv Bremen

Beim „Kattenturm“ überquerte die Straße die bremische Staatsgrenze, passierte Arsten, durchquerte am „Buntentor“ die Stadtmauer und führte über die Weser. Durch das „Ostertor“ ging es aus der Stadt hinaus, über Hastedt und Osterholz weiter nach Achim und Rotenburg.

Die Kattenturmer Chaussee
1812 wurde das Großprojekt begonnen, in Bremen mit der Kattenturmer Chaussee. Für 10 km Chaussee brauchte man etwa tausend Schubkarren, 200 Rodehacken, 100 Spaten und Harken. Die Oberaufsicht hatten französische Ingenieure, deutsche Ingenieure überwachten die Arbeiten, für den Bau wurden Einheimische eingesetzt. Hier nahm die Geschichte der Arster „Strootenmaker“ einen enormen Aufschwung. Arsten lag genau an der Strecke, die Arster wurden gebraucht und abgeordnet.

Viele Arster hatten schon vorher Erfahrung mit der Straßenmacherei. Der „Kötner“, der Kleinbauer, hat sich dadurch etwas dazuverdient. Der „Häusling“ hingegen war dazu verpflichtet. Der Bauer ließ ihn im sogenannten Häuslingshaus wohnen, dafür musste er bei der Ernte oder bei der Instandhaltung der Wege helfen.

Der Chauseebau zeigte den Arstern einen Weg aus ihren ärmlichen Verhältnissen, denn die napoleonische Besatzung war geradezu eine Initialzündung für den bremischen Straßenbau. Der Beruf des Steinsetzers bot nicht nur ein Auskommen, er veränderte die soziale Struktur des bäuerlichen Dorfes. Aus dem abkommandierten Hilfsarbeiter wurde ein Handwerker, sein Handwerk wurde mit der Zeit ein Ausbildungsberuf. Der Steinsetzer stieg zum Facharbeiter auf, einige wurden Unternehmer. In den „guten 1920er Jahren“ brachten es viele Steinsetzer sogar zu einem eigenen Haus. Erst durch das eigene Haus konnten sich die Häuslinge aus ihrer Abhängigkeit von den Bauern befreien. Die Häuser in der Engen Straße und In der Laake erzählen noch heute davon.


Die halbfertige Napoleonchaussee
Im Oktober 1813, eine Woche nach der „Völkerschlacht“ bei Leipzig, war die „Franzosenzeit“ für Bremen vorbei. Nach sieben Jahren zogen die Besatzer ab und ließen eine halbfertige Chaussee zurück. Zwei Wochen später konstituierte sich der Rat der Stadt neu und kehrte zum alten Stadtrecht zurück. Die nächtliche Torsperre wurde wieder eingeführt, das durch den Code Civil garantierte Recht auf freie Religionsausübung galt nur mehr für Christen und nicht mehr für Juden. Den Fortschritt des napoleonischen Straßenbaus wollten die Bremer Honoratioren allerdings nicht über Bord werfen, die Chaussee sollte fertig gestellt werden. Die Bremer Ingenieure und Steinsetzer setzten fort, was sie unter französischer Aufsicht gelernt hatten. Bereits 1814 war die Strecke durch das Land Bremen fertiggestellt.

Die Chausseen der Freien Hansestadt Bremen
Der Vorteil guter Straßen lag auf der Hand. Sehr schnell beschoss Bremen, auch andere Straßen in Chausseebauweise anzulegen. Den Anfang machte bereits 1815 eine Chaussee in Richtung Hollerland und Oberneuland. Daran waren besonders die Schwachhauser Gutsbesitzer mit ihren feinen Landsitzen interessiert, aber auch die Bürger, die gerne ohne große Kalamitäten eine Vergnügungsfahrt ins schicke Oberneuland machen und dabei nicht im Schlamm enden wollten. Denn die bestehende Straße war weit entfernt von der technischen Qualität einer Chaussee: eher gut gemeint als gut gebaut. In Schwachhausen, erzählt Johann Georg Kohl, hatte man zwar schon vor Jahren einmal den Weg verbessert und dafür eine Art Damm angelegt.

„Diese Erhöhung hatte man aber mit der unter der Oberfläche liegenden Moorerde zu Stande gebracht, und dadurch war denn die Straße bei Regenwetter fast ganz unfahrbar geworden. Hinter dem sogenannten Dorfe fing wieder gewöhnlich eine Wasserpartie an, bis man endlich zu dem rettenden Sande von ‚Oberneuland‘ kam.“

1819, nach fünf Jahren Bauzeit, war die erste Chaussee ohne französische Direktiven fertiggestellt. 12.000 Taler brachten die Schwachhauser Gutsbesitzer auf, den Rest finanzierte die Hansestadt mittels einer Staatsanleihe. Um die Baukosten zu amortisieren und die Instandhaltung bezahlen zu können, mussten die Benutzer nun allerdings Maut bezahlen. Dafür war das Reisen schneller und bequemer. Und die Anwohner waren vom Unterhalt der Straße befreit.

Chausseen zu Heerstraßen
100 Jahre lang hießen diese durch Napoleon eingeführten Straßen in Bremen Chausseen. Dann, 1915, Erster Weltkrieg, die deutschen Soldaten kämpften an der Westfront im Grabenkrieg gegen den französischen „Erbfeind“. Da wünschte sich der Bremer Kaufmann und spanische Konsul Eduard Friedrich Georg Michaelsen, der an der Schwachhauser Chaussee wohnte, dass diese in „Hindenburgallee“ umbenannt wird, zu Ehren des Generalfeldmarschalls, dem umjubelten Sieger an der Ostfront. Dies lehnten Bürgerschaft und Senat ab, sie entschieden aber viel grundsätzlicher: Der Name Chaussee sollte in ganz Bremen verschwinden. Am 18. Januar 1916 wurden im bremischen Stadt- und Landgebiet 20 „Chausseen“ in „Heerstraßen“ umbenannt. „Eine aus patriotischen Gründen vorgenommene Sprachreinigung“, wie Hermann Kloos in seinem „Bremer Lexikon“ kommentiert.

Recherche, Text und Interview: Christine Spiess
Fotos: AK Arster Geschichte(n), wikipedia commons

Literatur:
Disse Steen de steiht. Geschichte der Arster Straßenmacher. Arbeitskreis Arster Geschichte(n). Bremen 1988
Johann Georg Kohl: Alte und neue Zeit. Episoden aus der Cultur-Geschichte der freien Reichs-Stadt Bremen. Bremen 1871. Faksimile-Ausgabe 1975