„Moral Bombing“

„Wenn die britische Luftwaffe zwei- oder drei- oder viertausend Kilogramm Bomben wirft, dann werfen wir jetzt in einer Nacht 150.000, 180.000, 230.000, 300.000, 400.000, eine Million Kilogramm. Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Maße angreifen – wir werden ihre Städte ausradieren!“

So wütete der „Führer“ am 4. September 1940  nach den ersten wenigen Bomben auf Berlin. Es kam anders, am Ende des Krieges waren es die deutsche Städte, die nach derartig verheerenden Bombardements in Schutt und Asche lagen. Auch in Bremen gab es bei Kriegsende Stadtgebiete, die wie „ausradiert“ danieder lagen.

Flug über die zerstörte Stadt, 1945, © Landeszentrale für Medien, Bremen

Diese Aufnahmen eines amerikanischen Aufklärers auf seinem Flug vom Marktplatz bis zum Hafen zeigen Bremen im Mai oder Juni 1945. Am Ende gibt es nur noch eine einzige Trümmerwüste. Die Brache aus Schutt und Mauerresten war vor allem das Ergebnis eines einzigen Angriffs, des Bombardements in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944. Bis zu diesem Endpunkt des Schreckens war es ein langer Weg, er ist das Ergebnis von politischen und militärischen Entscheidungen sowie eines Wettlaufs zwischen der technischen „Perfektionierung“ des Bomberangriffs und der Luftverteidigung durch Abfangjäger, Flak und Bunkerbau.

Die letzte Waffe Englands – Die britische Royal Air Force
Zwei Tage nach dem deutschen Angriff auf Frankreich am 10. Mai 1940 fielen die ersten vereinzelten Bomben britischer Flieger auf deutsche Städte. Sechs Tage später auch auf Bremen. Da veröffentlichte die Bremer Presse noch Fotos von den Schäden des Angriffs und sprach erstmals von „Terrorangriffen“. Solche Bilder sollten in Bremen später nie wieder gedruckt werden.

Entscheidend für die Eskalation des Luftkriegs war das Desaster der britischen Truppen auf dem Festland bei dem Versuch, den deutschen Angriff auf den Alliierten Frankreich abzuwehren. Von der Blitzkriegsstrategie überrumpelt, gelang es England nur noch, seine Soldaten aus dem Kontinent wieder auf die Insel zu retten. Das gesamte Kriegsgerät, Panzer und Artillerie fielen in deutsche Hände. Wie aber war die militärisch fatal siegreiche Wehrmacht von der Insel aus weiter zu bekämpfen? Die Lage schien aussichtslos, Frankreich war besiegt, die Nationalsozialisten beherrschten den Kontinent von der Atlantikküste bis zur russischen Grenze. Die NS-Propaganda verkündete, allein Großbritannien stünde noch einem vollständigen Sieg der Achsenmächte Deutschland und Italien im Wege. Dem einzigen europäischen Gegner aber war nur noch die Luftwaffe geblieben.

Britische Soldaten in Dünkirchen vor der Evakuierung nach England © Imperial War Museum, London

Die Eskalation des Luftkriegs
Ab Juli 1940 kämpften die Royal Air Force und die Luftwaffe um die Herrschaft der Lüfte über England. Ziele der Luftwaffe waren Flugplätze, Radaranlagen und Rüstungsfabriken. Am Ende ging die Royal Air Force als Sieger aus dem Kampf hervor, eine Invasion Englands war abgewehrt. Doch als im August vermutlich verirrte deutsche Bomber entgegen der Befehlslage ihre Last über der Londoner City abwarfen, war das der Beginn der Eskalation des Bombenkriegs. Als ein englischer Vergeltungsangriff in Berlin nur gerinfügigen Schaden verursachte, hatte das Hitlers Drohung vom „Ausradieren“ britischer Städte zur Folge. Jetzt läßt Görings Luftwaffe alle Skrupel fallen, der Luftkrieg gerät zum Terror auch gegen Zivilisten.

Im November 1940 legte der Bombenteppich auf Coventry  und seine Rüstungsindustrie die Stadt in Trümmer, das Bild von der zerstörten mittelalterlichen Cathedrale St Michael‘s ging um die Welt. Goebbels erfand für solche Zerstörung den Begriff „coventrisieren“. Für die Weltpresse wurde es zum Symbol deutscher Barberei. Der Ton der britischen Presse änderte sich, der Daily Mirror schrieb: „Mit den Bombern der neuen Zeit ist die alte Ritterlichkeit der Kriegsführung endgültig abgeschafft. Nein, zu einem passiven Martyrium ist England nicht bereit. Deshalb könne die Antwort nur lauten: zurückschlagen.“ Das Industriezeitalter entwickelte eigene Gesetze.

Churchill zu Besuch in der zerstörten Kathedrale von Coventry
Churchill zu Besuch in der zerstörten Kathedrale von Coventry © Imperial War Museum, London

Angriffe ohne Wirkung
Die englische Armee war verbannt vom Festland, die deutsche Luftoffensive scheiterte an den britischen Abfangjägern. 1940 war der Krieg an einem toten Punkt. Dann folgte der Angriff auf die Sowjetunion, jetzt versuchte England dem Alliierten mit Angriffen auf die deutschen Transportwege und die Ölindustrie zu helfen. Damit sollte der Nachschub an Kriegsmaterial an die Front unterbrochen werden. Doch dann stellte sich heraus, die deutsche Industrie konnte ihre Verluste verkraften. Die Schäden wuchsen, aber auch die Gabe, sie auszugleichen. Und das Reservoir der Zwangsarbeiter war unerschöpflich.

Auch trafen die Bomben nur allzu selten ihr Ziel. Ein Report an das Kriegskabinett stellte im August 41 fest: Nur jede dritte Bomber näherte sich seinem Ziel auf weniger als acht Kilometer. So ließ sich keine Rüstungsfabrik zerstören. Die Kriegstechnik war noch mangelhaft. Auch die deutsche Luftabwehr machte den Angreifern zu schaffen, nach 30 Einsätzen tendierte die Überlebenschance einer britischen Bomberbesatzung gegen Null.

Strategiewechsel zum „Moral Bombing“
Im Februar 1942 vollzog die neue „Aera Bombing Directive“ des Luftfahrministeriums einen Politikwechsel. Sie zog die Konsequenzen aus den bisherigen Schwächen und deklarierte ein „einfacheres“ Ziel: „Es ist entschieden, dass das Hauptziel Ihrer Operation jetzt auf die Moral der gegnerischen Zivilbevölkerung gerichtet sein sollte, insbesondere die der Industriearbeiterschaft.“ Um jegliche Missverständnisse auszuschließen, gab Oberbefehlshaber Charles Portal die Präzisierung zu Protokoll: „Es ist klar, dass die Zielpunkte die Siedlungsgebiete sein sollen und beispielsweise nicht Werften oder Luftfahrtindustrien.“

Das bedeutete den zunehmenden Einsatz des Flächenbombardements, „moral bombing“ genannt. Die Strategen des Luftkriegs hofften auf Widerstand der Zivilbevölkerung gegen das Hitler-Regime, um den Bombardements ein Ende zu setzten. Sie setzten auf eine Reaktion wie im November 1918, als die Kriegsmüdigkeit der Deutschen zur Novemberrevolution geführt hatte. Die Direktive entstand so zunächst wie eine Aushilfsstrategie, da man keine präzisen Angriffe fliegen konnte. Doch auch als die Air Force aufgrund einer weiterentwickelteren Technik ab 1943 genauere Angriffe fliegen konnte, blieben Flächenbombardements unverändert ein wichtiger Bestandteil britischer Kriegsführung.

Die Technik des Feuersturms
„Nie zuvor kannte die Kriegsgeschichte eine ganz und gar von Wissenschaftlern gelenkte Waffe wie den Brandangriff“, schreibt Jörg Friedrich in seinem Buch „Der Brand“. Mit immer neuen Techniken suchten die Ingenieure die Wirkung des Bombardements zu optimieren. Luftbildanalysen ergaben, dass die Wirkung von Brandstoffen weitaus verwüstender war, als der Einsatz von Sprengbomben. Der Brand, war er erst einmal entfacht, breitete sich selbständig aus und fraß sich von Haus zu Haus. Verbanden sich die verschiedenen Brände, entstand der gefürchtete „Feuersturm“. Wie in einem Kamin zog das Feuer allen Sauerstoff der Umgebung an sich und verstärkte so noch das Feuer – wollten die Menschen in ihren Kellern nicht ersticken, mussten sie riskieren, durch das lebensgefährliche Inferno zu flüchten.

Die USA hatten sich die Strategie der Briten zwar nicht zu eigen gemacht, trotzdem entstanden dort Modellstädte für Experimente, um die kombinierte Wirkung von Spreng- und Brandbomben zu testen. Die Air Force sammelte Informationen, welche Städte besonders gut in Brand zu setzen waren. Dazu nutzten die britischen Militärs Luftbilder, Statistiken über die Bevölkerungsdichte und deutsche Brandversicherungsakten, die bei englischen Rückversicherungsgesellschaften hinterlegt waren. Auf diese Weise geriet schon 1942 das militärisch unbedeutende Lübeck ins Visier, die engen und verwinkelten Gassen versprachen gute Brandeigenschaften. Es war der erste Feuersturm, der eine deutsche Stadt heimsuchte.

18./19. August 1944, links der Wasserturm, mittig die Wilhadikirche

Als Walle im August den Großangriff erlitt, hatte sich die Kriegslage seit dem Angriff auf Lübeck drastisch verändert. Britische oder amerikanische Bomberstaffeln verfügten über verbesserte Techniken, ihre Ziele zu finden und Abwehrangriffe deutscher Jagdflugzeuge hatten ihre tödliche Gefahr für die Besatzung der Bomber verloren. 1943 noch tendierte die Chance britischer Piloten, ihren dreißigsten Angriff zu überleben, gegen Null. Gegen Kriegsende war diese Flotte weitgehend handlungsunfähig, auch die britischen Bomber vom August 1944 über Bremen wurden allein mit den Flakgeschützen bekämpft. Aber trotz der über tausend Bremer Opfer dieser Nacht, Bremen gehörte nicht zu den schwerst getroffenen Städten des Luftkriegs. Bei der „Operation Gomorrha“, dem Angriff auf Hamburg ein Jahr zuvor, kamen 40 000 Menschen ums Leben. Das konnte kein Trost sein für die Bremer Angehörigen, beschreibt aber eine Relation.

Text und Recherche: Achim Saur
Fotos: Wenn nicht anders ausgewiesen, Geschichtskontor. Wir danken dem Kampfmittelräumdienst Bremen und dem Landesfilmarchiv für die Überlassung des Kopfbilds bzw. der Filmaufnahme.

 

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