Punk


Natürlich ist Punk nicht als musikalischer und (un-)ästhetischer Urknall über amerikanische, europäische, englische Dörfer und Städte über London, über Los Angeles, New York und sogar Bremen hereingebrochen. Der Stil des Affronts gegen bürgerliche Werte und Normen, den Mainstream der Frisuren und der Kleidung der 60er und 70er Jahre musste sich erst schrittweise Bahn brechen. Diese Revolte verlief beispielsweise so:

 

“ … ’n Affront für bürgerliche Leute“ – ‚Ex-Hippie‘ und ‚Ex-Punkette‘              

AS: Da mußte ich zweimal hinhören, um das zu verstehen. Die bürgerlichen Leute, die er zuerst mit den kurzen Haaren, also keiner Punk-Frisur, geschockt hat, wer waren die?

SC: In erster Linie offenbar seine Eltern, aber vor allem die „Hippies“ mit ihren langen Matten. Die waren ja in der sogenannten Alternativ-Szene immer noch dominierend, Anfang der 80er.

AS: Ja, pass auf: dazu fälllt mir noch die aggresive Musik ein und das aggressive Gebaren in der Öffentlichkeit. Das passte zu dem heruntergekommenen Outfit – zerlöcherte und zerrissene Klamotten.

SC: Ich denke, das Outfit war so eine Art Bekenntnis, dass man nicht so sein wollte wie der Mainstream. Die Aggressivität nach Aussen war Programm: man wollte sich abgrenzen.

AS: Einverstanden, das haben schon viele Jugendkulturen so gehalten, daß sie ihre Abgrenzung mit Kleidung und Stil anzeigten. Aber was mich im Punk irritiert hat, da gab es sowohl rechte wie linke Orientierungen.

SC: Besonders in den späten 70ern und frühen 80ern gab es alle möglichen Haltungen, die irgendwie gegen „das System“ waren, und sich alle Punk nannten.

AS: Dafür schien oft der Etikettierungswille um so ausgeprägter vorhanden gewesen zu sein. Ich hab hier im online Punk-Magazin einen Text gefunden. Da berichtet Ingo Neuhaus über den Bremer Punk. „Allerdings gab’s in dieser Anfangsphase auch so ältere ‚Nazi-Punks‘, die waren zwar keine Vollnazis, aber Vollidioten. Ich erinnere mich an eine Szene bei meiner Schule, wo mich einer dieser Nazi-Punks ansprach und ich ihm sagte, dass ich mit Nazis nichts zu tun haben will. Seine Antwort: ‚Ich dachte, du wärst ein Punk und kein Anarcho-Schwein.‘ “

SC: Das war so, dass sich anfangs Nazis in der Szene rumgetrieben haben und sich denn auch noch für „die richtigen Punks“ hielten.

AS: Was sie mit den anderen Punks vielleicht verbunden hat, daß auch die Rechten gegen „das
System“ waren?

SC.: Eher nicht wohl. So ganz blick´ich da bis heute nicht durch. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Nazis die staatliche Ordnung angreifen. Zu feige. Die suchen sich ja eher schwache Randgruppen und prügeln auf die ein. Das machen Punks nicht.

„Wo wir regelmäßig gerannt sind“
In den 80ern trat die Unvereinbarkeit von „Punk“ und „Nazis“ in der offenen Feindschaft zu der Bremer rechten Szene, den Skin-Heads und Hooligans zu Tage. Und die wurde auch offen ausgetragen. Wer gegen verkrustete Werte antrat, konnte sich schlecht mit der ausgrenzenden Mentalität von Faschisten vertragen. Wer sich mit Symbolen des Zerissenen, Abgewrackten und Schockierenden ausstattete, musste die uniformierte Hooligan- und Skinhead- Szene, die mit Gewalt auf Minderheiten losging, strikt ablehnen. Wer Toleranz einforderte, wurde notwendiger Weise zum Nazi-Gegner, nicht unbedingt durch politische Überlegungen, sondern weil er allein wegen seines Aussehens zur Zielscheibe der rechten Gewalt wurde:

 

A.S: Du hast jetzt diese Textcollage dem Interview zugeordnet. Verstehe ich auf Anhieb nicht.

S.C: Über die Erfahrung als Nazi-Feindbild wurde wohl so manchem klar, dass es an dieser Stelle eine Beziehung zu einem gesellschaftlichen Status gibt, den man in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit „Lumpenproletariat“ bezeichnete.

A.S.: Aber ihr ward doch kein „Lumpenproletariat“ im Sinn der 1920er Jahre. Unter den Punks waren doch auch viele Oberschüler, die aus eher bürgerlichen Familien kamen?

S.C.: Es geht um das Bekenntnis zu „denen da unten“, also: anti- bürgerlich. Und das passierte eben zuerst über das Outfit. Man gibt nix auf anständige Kleidung, die gegebenenfalls den Oberschüler erkennen lässt. Aber ich war sowieso nie „Punk“, trotz kurzer roter Haare, löchriger Turnschuhe und Lederjacke. Viel zu uniform.

A.S.: Aber in der einen oder anderen Weise hast Du Dich trotzdem „den Punks“, unabhängig von den vielen Richtungen, zugehörig gefühlt?

SC: Ich habe mit vielem sympathisiert, was die Punks machten. Das lag aber daran, dass es eigentlich nur die Möglichkeit gab, entweder politisch links oder doof zu sein, also entweder angepasst als „Popper“ oder noch doofer: Nazi.

A.S.: Der Nazi hatte ja auch Kritik, nur suchte er die Lösung ganz woanders, im Nationalen. Der Punk sagte „No Future“. Was war der Hintergrund?

S.C.: Der Nazi-Rasse-Spiesser war zu denkfaul, um die Lage zu peilen; „No- Future“ war keine selbstmitleidig hingerotzte Parole, sondern entsprach einer realistischen Zukunftsperspektive: wirtschaftliche Krise, Ausbildungs- und Einstellungs-
stopps in bestimmten Berufen, wie Tischler, Zimmerleute, die sog. „Lehrerschwemme“ und die unaufhaltsame Kohl-Verkrustung der Gesellschaft. Die Zukunft war prekär. Und in Zeiten des Wettrüstens konnte einem jederzeit eine Atombombe auf den Kopf fallen.

„Das war jedenfalls immer sehr proletarisch“
Aus dem gesellschaftlichen Abseits gegen die altbackenen Regeln der Gesellschaft und auch gegen die ergebnislose Diskutiermanie der 68er: Eine antidogmatische Haltung war vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner. Das Outfit war zwar Bekenntnis, aber es war nicht ausschlaggebend. Der Abziehbildpunker mit buntem Iro und Nietengürtel war nicht die Regel. Alles, was nicht nach Büro oder bürgerlichem Mainstream aussah, alles was selbstgemacht und abgerissen aussah, war möglich. Auch spontan:

 

A.S.: Erste Frage zu dem Gehörten: Diese Kritik an der „Dialektik“ – sind damit in erster Linie die Eltern gemeint?

S.C: Weiss nicht, damit war eher der linke Zeitgeist der 70er gemeint, der sich im Wesentlichen in diversen K- Gruppen wiederfand. Der Zerfall in immer kleinere Einheiten. Diese hatten allerdings gemeinsam, dass fast ausschliesslich gesabbelt wurde.

A:S: Jetzt, nach all den Jahren: Dein Elternhaus war ja auch K-Gruppen infiziert. Nichts von Generationenkonflikt? Und die Punks sabbelten nichts? Was haben sie gemacht?

SC: In erster Linie habe ich mit den Punks Bier getrunken, vor Konzerten ´rumgestanden und Belangloses gesabbelt. Alltägliches. Politisch gab´s dann die direkte Aktion. Z.B. Häuser besetzen. Man sprach nicht darüber, man machte was.

A.S.: Hausbesetzung gab‘ schon vor Punk. Aber egal,
zweite Frage: Da ist in den Erzählungen so eine Beschwörung des „Volkstümlichen“, im Sinne von ganz normale Leute. War das so?

SC: Wenn Du Pogo-Tanzen, sich die Klamotten zerreissen, Biertrinken und Nazis rausschmeissen als „volkstümlich“ bezeichnen möchtest, von mir aus. Aber: die Alt- 68er, von den Punks „Hippies“ genannt, besetzten ein Haus und diskutierten darin dann gemütlich kiffend die Weltrevolution. Die Punks besetzten das Haus, weil ein Kulturzentrum her musste.

A.S.: Ja, schon gut. Aber dazu, wo die Leute her kamen, hast Du immer noch nichts gesagt. Waren das Oberschüler oder Verkäuferinnen?

SC: Gymnasiasten, Lehrlinge waren dabei, aber nur wenn sie Glück hatten und eine akzeptable Ausbildung ergattern konnten. Es war gemischt, Schulabbrecher gab es auch. Viele fokussierten sich neben oder anstatt der bürgerlichen Karriere auf die Musik oder Kunst.

„…nicht so klare Regeln von mein und dein“
Ästhetische Provokation und eine anti-bürgerliche Haltung wendeten sich, wie auch schon die 68er Generation gegen das starre gesellschaftliche Regelsystem. Aber anderes als die 68er, die sich in Diskussionen um den grossen politischen Wurf verstrickten, sollte praktisch etwas verändert werden. „Punk“ verstand sich im Abseits der Gesellschaft. Dieses Abseits war fast wie Niemandsland ohne jegliche geltenden Regeln. Wirklich?

 

A.S. Was wurde alles geteilt? Auch die Wohnungen?

S.C.: Yo. Wer eine ergattert hatte, liess oft andere bei sich übernachten. Freunde, und solche, die aus anderen Städten kamen und z.B. auf ein Konzert wollten oder einen Auftritt hatten. Komfortabel war das natürlich nicht immer.

A.S.: Wie sah denn beispielsweise so eine „Punk-WG“ aus? Chaotisch, versifft oder gab es da auch die Freunde des Aufräumens?

S.C.: Das war ganz unterschiedlich. Das extremste Beispiel ist, wenn nur bei Seite geräumt wurde, was einen gerade am gemütlichen Beisammensitzen mit Bier störte. Aber Müll ist ja relativ; da wurde dann die saure Tanne silber angesprüht und mit leeren, in lila besprühten Bierdosen behängt. Grossartige Deko! Es gab aber auch Leute, die zu den wildesten Punks gehörten und die sich bei und nach jeder Party fürs Aufräumen zuständig fühlten, damit die Bewohner das nicht mit verkatertem Kopf anderntags alleine machen mussten.

Und diejenigen, denen die richtige Schattierung der Wandfarbe, also blau und grün minutiös auf die Farben der gesammelten bunten Gläser abgestimmt war. Da musste dann auch das rote Glas ganz genau zwischen drei dunkelblauen, einem grünen und wieder blauen angeordnet werden. Im Zweifelsfall waren die Möbel aber funktional und vom Sperrmüll.

A.S.: Den Weihnachtsbaum mit lila Bierdosen, das fandet Ihr klasse. Da werden Symbole umgedeutet – aber trotz alledem feiert Ihr „Weihnachten“.

S.C.: Weihnachten hiess vor allem immer viel Bier trinken, der verlogenen allgegenwärtigen Harmoniesucht musste ja was entgegengesetzt werden. Natürlich nahm man auch das, was scheinbar feststehende Werte waren, wie der Weihnachtsbaum oder – das fällt mir dazu ein – die Tagesschau: die lustige Performance von der „Gerechtigkeitsliga“ im Café Grün, „fünf Minuten nach der Tagesschau“ hiess das. Da wurden die Zuschauer exakt 5 Minuten nach 20 Uhr mit Schweineblut geduscht. Oder die allgegenwärtige Werbeerotik: Als Geburtstagsgeschenk hatten wir mal eine Wackelpuddig-Titte fabriziert, die von innen mit einer Fahrradlampe beleuchtet war. Natürlich wurde das Ding nicht gegessen, sondern, weil die Masse so schön wackelte, als Munition verwendet und endete als schlüpfriger Bodenbelag. – Aber das ist ja schon Kultur, oder – wohl möglich – Kunst.

 

Interviews, Schnitt und Bildmontagen: Sonia Cantú
Interviews mit Igel, Barbara Neander, Frank und Kristina, 2013
Fotos: www.punkfoto.de, Kulturzentrum Schlachthof, Küchelmann, Süddeutsche Zeitung
Im Gespräch: Achim Saur und Sonia Cantú

Hier noch eine erschröckliche Autobiografie aus einem Bremer Punkerleben ->>>