Bar Kochba Bremen – das kurze Leben eines jüdischen Sportvereins

Ritter-Raschen-Straße 3, Bremer Kokosweberei

Wer sich für die Geschichte des Sports in Bremen interessiert, stößt irgendwann auf eine Adresse, die heute nichts mehr mit Tischtennis, Turnen oder Leichtathletik zu tun hat: die Ritter Raschen-Straße 3 in Walle. Dort, wo bis heute die Bremer Kokosweberei ansässig ist, lebte bis 1936 die Familie des Unternehmers Felix Scheiniak, der nicht nur die Kokosweberei, sondern auch Bar Kochba Bremen mitgegründet hat, einen der beiden letzten jüdischen Sportvereine in Bremen. Kurz nach Verhängung der Nürnberger Gesetze verkaufte Scheinak sein Unternehmen, gab den Vereinsvorsitz ab und verließ mit seiner Familie Bremen Richtung Palästina.

Autonomie oder Parität?

In 1920er Jahren waren viele Bremer Juden in deutschen paritätischen Vereinen sportlich aktiv. Überregional gab es in Deutschland im Bereich Sport zwei jüdische Spitzenverbände: den national-deutsch orientierten Sportbund „Schild“ im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) sowie den zionistisch orientierten Makkabi Deutschland, der 1903 gegründet worden war. Über die Notwendigkeit eigener jüdischer Turn- und Sportvereine existierten in der jüdischen Gemeinde Bremens unterschiedliche Auffassungen. „Folgt man einer späteren Darstellung des Leiters der Turnabteilung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF), Adolf Grünberg, so hat sich eine Sportgruppe bereits im Jahre 1922 gegen Widerstände aus der jüdischen Gemeinde und vor allem von den in den bürgerlichen, paritätischen Vereinen organisierten jüdischen Sportler gegründet“. *

Ende der 1920 Jahre lag in Bremen eine ungewöhnliche Konstellation vor. „In dem neu gegründeten Jüdischen Turn- und Sportverein wurden die auf überörtlicher Ebene doch so unterschiedlichen Interessen zwischen dem national-deutsch orientierten RjF und der zionistischen Bewegung in einem Verein zusammengeführt“. Ungewöhnlich ist auch, dass der neue Verein, in dem Felix Scheiniak Schatzmeister war, sich dem Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) anschloss.  Als der ATSB kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verboten wurde, erschien auch der Jüdische Turn- und Sportverein in der Liste der 37 verbotenen Vereine – obwohl er laut der Arbeiter Turnzeitung (ATZ) bereits im Frühjahr 1932 aufgelöst worden sein soll. Zu diesem Zeitpunkt war  Felix Scheiniak Vorsitzender des Vereins.

Zwei jüdische Sportvereine

„Nach dem Verbot des Jüdischen Turn- und Sportvereins entwickelten sich die unterschiedlichen Interessen auseinander und dokumentieren sich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme auch in der Gründung von zwei jüdischen Sportvereinen.“  In den ersten Jahren der Nazizeit genehmigten die Behörden  sportliche Aktivitäten jüdischer Bürger. Mit Rücksicht auf die außenpolitische Wirkung vor den Olympischen Spielen 1936 erließ der Reichssportführer Ende 1933 neue Direktiven, wonach die Spitzenverbände Schild und Makkabi anerkannt und den Sportvereinen vor Ort Rechte eingeräumt wurden. In Bremen  gründete sich Ende 1933 zunächst die Sportgruppe Schild, die den Turnbetrieb am 9. Januar 1934 in der modern ausgestatteten Turnhalle des Lyzeums des Westens in der Langen Reihe 81 begann. Der Jüdische Turn- und Sportverein hatte bis zu seinem Verbot die Turnhalle des Alten Gymnasiums in der Innenstadt genutzt. Die Verbannung an die Peripherie ist ein Beleg dafür, dass es  in Städten und Gemeinden zum Teil Widerstände gegen die Vorgaben der Sportführung gab. Als weitere Sportarten neben Turnen bot die Sportgruppe Schild Fußball, Handball, Tennis, Ping Pong und Wassersport an.

 

Damen-Handballmannschaft von Bar Kochba Bremen.

Makkabi-Meisterschaften 1934 im Weser-Stadion

Nur kurze Zeit später gründete sich am 26. Januar 1934  unter dem Vorsitz von Felix Scheiniak der Jüdische Turn und Sportverein Bar Kochba, der sich dem Deutschen Makkabi-Kreis anschloss. Zu den Aktivitäten des Vereines gehörten Turnen,  Gymnastik, Tischtennis, Leichtathletik und  – bis zur erzwungenen Aufgabe des Sportplatzes – Handball und Fußball.

Das herausragende Ereignis während seiner kurzen, gut dreijährigen Lebensdauer war die Ausrichtung der  1. Nordwestdeutschen Makkabi-Meisterschaften am 11. März 1934 im Weser-Stadion. Die unterschiedlichen Quellen sprechen von 200-300 Aktiven aus zwölf Makkabi-Vereinen.

Ansprache des Präsidenten des Deutschen Makkabikreises, Dr. Rabau.

Die Meisterschaften galten als Qualifikation für die Deutschen Makkabi-Meisterschaften und damit auch der zweite Makabiah 1935 in Tel Aviv. Laut der Quellen war die Veranstaltung ein „voller Erfolg“ und spielte „Bar Kochba Bremen unter der Leitung von Felix Scheiniak im Norddeutschen Bezirk eine gute Rolle“.

Freiübungen der Teilnehmer.
(Sammlung Rosel Pinthus, Staatsarchiv Bremen.)

Über 50 Jahre später erzählte Moshe Shany, der Sohn des Organisators des abgebildeten Ereignisses, dem Weser-Kurier: „Eine große Sache, ich marschierte als Pfadfinder mit ein, war beim Laufen dabei. Oben auf dem Osterdeich standen die Nazis – 1934! – und wussten nicht so recht, was da vor sich ging. Als sie es wussten wurde Vater verhaftet.“ Grund für die Verhaftung durch die Gestapo wenige Tage nach dem Sportfest waren angebliche Unterschlagungen. Da ihm keine Verfehlungen nachgewiesen werden konnten, wurde Felix Scheiniak nach kurzer Zeit wieder freigelassen.

An das Sportfest selbst hat Moshe Shany gute Erinnerungen, wie er Helmut Hafner berichtete, der ihn 1998 als Vertreter des Rathauses bei einem Besuch in  Bremen begleitete.

Zum Abschluss der Meisterschaften gab es eine Abendveranstaltung im großen Saal der Glocke, der bis auf den letzten Platz gefüllt war, als die weihevollen Klänge der Orgel den Raum erfüllten. Makkabi Lolek Lipschütz vom Bar Kochba spielte das Largo von Händel.

Die Bremer Glocke vor 1945

Felix Scheiniak gehörte dann im Mai 1935 zu der Delegation von Makkabi Deutschland, die an der zweiten Makkabiade in Tel Aviv teilnahm. Von der gemeinsamen Schiffsreise, dem Sportfest und dem gesamten Aufenthalt in Palästina berichtete er in einem Vortrag, über den das Jüdischen Gemeindeblatt vom 5.5.1935 schrieb: „Als im Stadion von Tel Aviv nach der Eröffnungsrede von Lord Melcheff 60.000 Menschen sich begeistert zur Hatikwah erhoben, da sei es jedem einzelnen dieser Menschen klar geworden, dass wir doch, trotz der verschiedenen Staatsangehörigkeiten, ein Volk, ein Volk seien. Da habe es keine polnischen, jugoslawischen, englischen, deutschen Juden gegeben, sondern nur Juden. (…) Der Redner schloss mit der Aufforderung an alle, mitzuhelfen an diesem großartigen Aufbauwerk und mit dem Hinweis auf den Ausspruch Theodor Herzls: ‚Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.'“

Auswanderung nach Palästina

Der letzte Bericht über die Aktivitäten von Bar Kochba Bremen datiert vom 4. April 1937, als die Tischtennis-Mannschaft zu einer Begegnung zu Makkabi Altona reiste. Die Autoren Peiffer/Wahling nehmen an, dass der Verein besonders von der Auswanderung betroffen war und deshalb seine Aktivitäten relativ früh einstellen musste. Schild Bremen führte trotz der Auswanderungen und immer stärkerer Beschneidung von Trainingsmöglichkeiten zumindest in der Fußball- und Kegelabteilung die Aktivitäten bis ins Jahr 1938 fort.

„Die letzten Erinnerungen an den jüdischen Sport in Bremen vernichteten die Nazis in der Reichspogrom-Nacht. Es wurde nicht nur die jüdische Synagoge zerstört, sondern auch das benachbarte Gebäude, das Rosenakenhaus geplündert“. Darüber berichteten die  Bremer Nachrichten am 11.11.1938:

Gemeindehaus der jüdischen Gemeinde, Rosenak-Haus genannt, rechts daneben die Ruine der Synagoge, Ende der 1940er Jahre

„Ein Blick ins Innere ist ungewöhnlich interessant. Bilder großer und kleiner Juden hängen an den Wänden. Eines fällt besonders auf, nicht nur wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Darstellung: es zeigt eine Gruppe jüdischer Sportler bei Freiübungen und hat die Unterschrift „Nordwest-deutsche Bezirks-Meisterschaften/deutscher Makkabikreis/Bar Kochba Bremen. Es ist aus mit dem Makkabikreiseln! Aber 1934, am 8. Juli durften die Juden noch im damaligen Weser-Stadion ‚Meisterschaften‘ durchführen! Damals war der Nationalsozialismus viel duldsamer, als die Juden es nach unseren bösen Erfahrungen der letzten Jahre verdienen.“

Felix Scheiniak war zu der Zeit bereits in Palästina. Den Vereinsvorsitz hatte er wegen der bevorstehenden Auswanderung Anfang 1936 auf der Generalversammlung des JTSV Bar Kochba Bremen abgegeben.

 „Über Wien und Triest sind wir in das heutige Israel eingewandert“, sagte Moshe Shany 1988 dem Weser-Kurier. „Ich habe sogar den Tag der Abreise verdrängt, ich weiß ihn nicht mehr.“

Der in der Ritter-Raschen-Straße 3 geborene Moshe Shany war dreizehn Jahre alt, als die Familie Bremen Richtung Palästina verließ. Nach dem Tod seines Vaters besuchte er mit seiner Frau Ruth mehrfach Bremen und  erzählte von seinen Erinnerungen an seine Kindheit in Walle.

* Alle Zitate stammmen, wenn nicht anders angegeben, aus dem Buch  „Juden im Sport während des Nationalsozialismus“ von Lorenz Pfeiffer und Henry Wahlig.

Bildquellen: Staatsarchiv Bremen/ Sammlung Rosel Pinthus (3), Geschichtskontor Walle (3).

 

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