Eine Kindheit in der Ritter-Raschen-Straße

Siegbert Scheiniak wurde 1923 in der Ritter-Raschen-Straße in Walle geboren, wo bis heute die Bremer Kokosweberei ansässig ist. Im Alter von dreizehn Jahren  musste er mit seinen Eltern nach Palästina auswandern. Als Moshe Shany sah er seine Geburtsstadt erst mehr als fünfzig Jahre später wieder.

Ritter-Raschen-Straße 3, Bremer Kokosweberei

Der Sportfunktionär und Unternehmer Felix Scheiniak gründete sowohl die Bremer Kokosweberei als auch den jüdischen Sportverein Bar Kochba Bremen mit. Kurz nach Verhängung der Nürnberger Gesetze im Jahr 1935 verkaufte er sein Unternehmen, gab den Vorsitz von Bar Kochba ab und verließ mit seiner Familie Bremen Richtung Palästina. Mit seiner Frau Senta unternahm er in den 1950er Jahren den kurzen Versuch einer Rückkehr nach Bremen, lebte dann aber bis zu seinem Tod 1980 in Palästina.

Das tat auch sein Sohn Siegbert, der in Palästina seinen Namen in Moshe Shany änderte. Unter diesem Namen kehrte er erst nach dem Tod seines Vaters mehrfach in seine Geburtsstadt zurück und erzählte über seine Kindheit in Walle den  Reporter*innen der taz und des Weser-Kurier sowie dem damaligen Rathaus-Mitarbeiter Helmut Hafner, der 1998 eine Gruppe ehemaliger jüdischer Mitbürger*innen betreute, die der Senat eingeladen hatte.

 

Webstuhlware um 1935

Aufgewachsen ist Moshe Shany inmitten der Teppiche und Webstühle der Bremer Kokosweberei in Walle. Die Firma, die seit Anfang der 1920er Jahre im Besitz seiner Familie war, verkaufte sein Vater kurz vor der Ausreise nach Palästina an einen Vorfahren des heutigen Besitzers.

„Mein Elternhaus in der Ritter-Raschen-Straße 3 steht noch“, erzählte  Moshe Shany dem Weser-Kurier, als er 1988 das erste Mal wieder in Bremen war. „Ich liebte die Hafen-Atmosphäre, schlich mich an Bord der ‚Bremen‘, verpasste die Abfahrt, musste in der Weser-Mündung über die Jakobsleiter von Bord – und bekam zu Hause ordentlich Senge.“ Von Ausflügen in die Innenstadt erzählte er bei dem Besuch 1998 Helmut Hafner:

 

 

Den Wunsch, den jüdischen Friedhof zu besuchen, schlug Moshe Shany seiner Frau Ruth laut Weser-Kurier ab. „Da ist der Grabstein für meine Großeltern“ sagte er. „Aber sie ruhen dort nicht, sie starben in Theresienstadt.“ Auch sein Geburtshaus wollte er nicht wiedersehen. „Warum das alles aufwirbeln“, fragte er die Reporterin der Taz.

Steine auf die jüdischen Nachbarkinder

Moshe Shany erinnerte sich 65 Jahre später daran, was die Machtübernahme der Nazis für ihn als Kind bedeutete. „Es war so, wie wenn man irgendwo steht und es wird langsam kalt“, sagte er der Taz. Irgendwann spielten die Kinder in Walle nicht mehr mit ihm. Zum Spielen musste er nun einen weiten Weg in die Stadt zu der dortigen Pfadfinder-Gruppe nehmen. Wenn mal wieder jemand verschwunden war, gab es für die Kinder keine Erklärungen. Das Gefühl, das dies bei ihm auslöste, beschrieb er so: „Ganz einfach Angst.“ Auf dem Schulweg wurden Steine auf die jüdischen Kinder geworfen, auch einige der Lehrer waren plötzlich weg. Es gab Schießereien und der 13-jährige Siegbert musste das Gymnasium in der Elsflether Straße verlassen. Nachträglich sei erklärt worden, er habe die Aufnahmeprüfung gar nicht bestanden, erzählte er der Taz. Auch Helmut Hafner erinnert sich an Gespräche über Shanys letzten Jahre in Walle.

Neben seiner Tätigkeit als Unternehmer war Shanys Vater vor der Ausreise Vorsitzender von Bar Kochba Bremen, einem von zwei jüdischen Sportvereinen in Bremen. Das herausragende Ereignis während dessen kurzer, gut dreijähriger Lebensdauer, war die Ausrichtung der  1. Nordwestdeutschen Makkabi-Meisterschaften am 11. März 1934 im Weser-Stadion. Die unterschiedlichen Quellen sprechen von 200-300 Aktiven aus 12 Makkabi-Vereinen.

Freiübungen der Teilnehmer.

Über 50 Jahre später erzählt der Sohn des Organisators des abgebildeten Ereignisses: „Eine große Sache, ich marschierte als Pfadfinder mit ein, war beim Laufen dabei. Oben auf dem Osterdeich standen die Nazis – 1934! – und wussten nicht so recht, was da vor sich ging. Als sie es wussten wurde Vater verhaftet.“ (Weser-Kurier, 1988) Wie Moshe Shany den Historikern Peiffer/Wahling erzählt hat, wurde sein Vater wenige Tage nach dem Sportfest wegen angeblicher Unterschlagung von der Gestapo verhaftet. Da ihm keine Verfehlungen nachgewiesen werden konnten, wurde er nach kurzer Zeit wieder freigelassen.

An das Sportfest selbst hat Moshe Shany gute Erinnerungen, wie er Helmut Hafner berichtete.

„Die letzten Erinnerungen an den jüdischen Sport in Bremen vernichteten die Nazis in der Reichspogrom-Nacht. Es wurde nicht nur die jüdische Synagoge zerstört, sondern auch das benachbarte Gebäude, das Rosenakenhaus geplündert „, schreiben Peiffer/Wahlig in ihrem Buch „Juden im Sport während des Nationalsozialsimus“.  Die Famile Shany war zu der Zeit bereits in Palästina. „Über Wien und Triest sind wir in das heutige Israel eingewandert“, sagte Moshe Shany 1988 dem Weser-Kurier. „Ich habe sogar den Tag der Abreise verdrängt, ich weiß ihn nicht mehr.“

Alte und neue Freunde

„Manchmal hat man das Gefühl, als hätte jemand anderes das erlebt“, sagte Moshe Shany bei seinem Besuch 1988. Und beschreibt ein komisches Gefühl alten Menschen gegenüber, die sie auf der Straße treffen. Sie versagen sich die Frage: „Wo war der wohl?“
Eine positive Begegnung mit der Vergangenheit hatte er dann bei seinem Besuch zehn Jahre später durch die Vermittlung von Helmut Hafner, wenn auch nur per Telefon.

Rathausbesuch ehemaliger jüdischer Bremer*innen; links: Moshe Shany

Nach seinem Tod im Jahr 2014 ehrten die Bremer Freund*innen, die Moshe Shany und seine Frau bei ihren Besuchen in der Hansestadt fanden, ihn mit einer Traueranzeige.

Bildquellen: Geschichtskontor Walle,  Staatsarchiv Bremen/Sammlung Rosel Pinthus, Jochen Stoss

 

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