Rauer Ton im Hafen

Anbiethalle – ein Ort aus einer untergegangenen Welt. Früher gehörte die Anbiethalle zum Hafen wie Stauerei, Speicher, Schuppen. Zur Anbietzeit, in der Arbeitspause, kamen die Hafenarbeiter pulkweise in die Anbiethalle, dort gab es zu essen und zu trinken. Eine Kantine also. Eine der wenigen Arbeitsstätten im Hafen, in der Frauen zu finden waren. Wenn dort auch Seeleute auftauchten, konnte es turbulent werden,  erzählt Anke Becker im Gespräch mit ihrem langjährigen Arbeitskollegen Friedrich (Fidi) Bruns vom Gesamthafenbetrieb.

Die Anbiethallen entstanden erst nach dem 2. Weltkrieg. Vor dieser Zeit, so kann man es u. a. noch im „Peter Stoll“ von Carl Dantz lesen, da brachten die Kinder oder Mütter den Männern, die im Bremer Hafen arbeiteten, mittags den Henkelmann mit dem warmen Essen.

“Der Hafen ist abgesperrt. Man darf nicht rein, die Polizei will es nicht. Bloß, wenn man eine Hafenkarte hat. Hein hat keine Karte, aber er kommt doch rein, sagt er. (…) Wir sind nach dem Schuttberg gegangen, draußen hinter der Wollkämmerei. Da hat er sich einen alten Esskessel gesucht, wo kein Boden drin war und kein Deckel dabei. Und hat einen kaputten Teller drauf gelegt und gesagt: Such dir auch so was. Ich hab ein Kochgeschirr ohne Henkel gefunden und hab mir einen Draht zum Tragen drangemacht. Fein, sagt Hein. Jetzt wird Essenträger markiert. Wir müssen nun unsere Vadders Essen hinbringen, die arbeiten im Hafen. Du sagst doch, du hast gar keinen Vater, Hein? Mensch, Peter, du begreifst auch gar nichts.”

Außerdem gab es im Hafen auch einige der berühmten Ottilie-Hoffmann-Häuser, in denen die Arbeiter für wenig Geld warmes Essen und alkoholfreie Getränke bekamen.

Nach 1945, als die Arbeit im Hafen so allmählich wieder losging, die deutsche Schifffahrt aber durch die Alliierten noch beschränkt war, übernahmen die amerikanischen Streitkräfte die Verpflegung der Hafenarbeiter. Das war vorbei, als 1951 die Beschränkung fiel. Aber man konnte wieder „nach Ottilie“ gehen, zum Beispiel in das wiedereröffnete Ottilie-Hoffmann-Haus am Schuppen 17.

Ottilie-Hoffmann-Haus am Überseehafen, ab 1952

Außerdem gründete die Hafenarbeiterschaft das „Sozialwerk der Hafenarbeiter e. V.“, das drei Kantinen im Hafen betrieb: Hafenkantine I, Überseehafen Hafenhaus; Hafenkantine II, zwischen Schuppen 14 und 16; Hafenkantine III, Europahafen am Hafenkopf. 1959 kam das „Sozialwerk“ ins Schlingern. Um die Kantinen zu retten, kam es zur Gründung der „Bremer Anbiethallen e. V.“ Gründungsmitglieder waren Vertreter der verschiedenen Sparten der Hafenwirtschaft, u. a. die Bremer Lagerhaus Gesellschaft, die Stauereibetriebe, der Gesamthafenbetrieb etc. Mit dabei war auch die Haake Beck Brauerei, denn anders als bei den Ottilie-Hoffmann-Häusern wurde in den Anbiethallen durchaus auch Bier ausgeschenkt; allerdings kein anderer Alkohol, „um von vornherein eine Beeeinflussung der Arbeitsfähigkeit der Hafenarbeiter durch unangemessenen Alkoholkonsum zu verhindern.“ 1964, nach einem Mord in dem Ottilie-Hoffmann-Haus am Schuppen 17, wurden diese aufgegeben und von den “Bremer Anbiethallen” übernommen.

In den Anbiethallen konnten alle, die im Hafen arbeiteten, egal ob Arbeiter oder Angestellte, für wenig Geld kalte und warme Speisen und Getränke bekommen. Sie konnten allerdings auch ihre eigenen Stullen auspacken und essen, denn einen Verzehrzwang gab es nicht. Dem Hafensenator war die Existenz der Anbiethallen so wichtig, dass seine Behörde bei den Vereinssitzungen und Mitgliederversammlungen der „Bremer Anbiethallen“ als Nichtmitglied mit beratender Stimme dabei sein konnte.

Die ersten Anbiethallen gab es im Übersee- und im Europahafen. Als 1966 die Neustädter Häfen gebaut wurden, wurden auch auf der linken Weserseite Anbiethallen eingerichtet.
Schon längst gibt es keine Anbiethallen mehr im Hafen. Nur in der alten Bahnmeisterei in der Überseestadt gibt es noch ein Restaurant, das sich auch heute noch Anbiethalle nennt.

 

 

Interview: Wilfried Brandes, Sabine Murken mit Anke Becker, Friedrich Bruns; 2009
Schnitt: Sabine Murken; 2010
Recherche und Text: Christine Spiess; 2012
Fotos: Geschichtskontor

Carl Dantz, Peter Stoll. Ein Kinderleben. Von ihm selbst erzählt.
Neu herausgegeben von Johannes Merkel und Dieter Richter.
Weismann Verlag, München 1986, S. 16

Prospekt der Anbiethallen von 1969

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