Das Stephaniviertel – Hinter der Mauer

Das Stephaniviertel entstand als natürliche Siedlung um die Gegend von St. Steffen auf einem der beiden Dünenhügel.
Als eigenständige Siedlung vor den Toren der Bremer Altstadt hatten die Steffensbürger 1139 ihre Stephanikirchenweide (Schweineweide), auf der später, nach dem Verkauf an die Stadt, 1888 der Freihafen eröffnet wurde.

► Das Stephaniviertel lag also in seiner Entstehungsgeschichte „Hinter der Mauer“, der ursprünglichen Altstadtmauer (von 1200), die ungefähr Höhe Fangturm / Kleine Balge verlief. Auch nach der Eingemeindung 1305 blieb das Viertel ‚Hinter der Mauer‘, weil diese Stadtmauer erst Mitte des 16. Jahrhunderts abgerissen wurde. Hierzu siehe die Karte der Bremer Altstadt um 1300.

St. Stephani – eine feste Burg

Die Stephanigemeinde war das soziale und kulturelle Zentrum; sie wirkte in diesem Quartier wie eine feste Burg und zeichnete sich durch ihr starkes soziales Engagement aus.

Links: Blick von der ehemaligen Stephanischule auf den Kirchhof, zugleich als Schulhof genutzt, um 1930

 

 

 

 

 

 

Das Focke-Museum

Heute befindet sich das Bremer Landesmuseum, nach seinem Gründer kurz „Focke-Museum genannt, im Stadtteil Schwachhausen. 1913 wurden die Sammlungen in das ehemalige Altenheim (Armenhaus) umgelagert, 1918 hieß es dann offiziell Focke-Museum. Es war eine große Anlage mit einem besonders schönen Garten im Innenhofbereich und lag direkt an der Weser, im westlichsten Teil des Stephani-Viertels, kurz vor der Eisenbahnbrücke, am Ende der Großenstraße.
Im 2. Weltkrieg wurden die Sammlungen ausgelagert und konnten so gerettet werden.

 

 

 

Die Wichelnburg

 

 

 

 

 

 

 

Von der Faulenstraße waren es nur ein paar Schritte bis ans Weserufer, an die Wichelnburg: hier war direkt an der Weser ein kleiner Platz mit Mauer, wo die Fischer ihre Netze zum Trocknen aufhingen und wo von der Fischhandlung ‚Klevenhusen‘ der gute Geruch von geräuchertem Lachs ausging. Bei der Wichelnburg l
agen rechts gleich Packhäuser, auf der anderen Seite war es nicht weit bis zum Focke-Museum.

Das Gängeviertel

Um die Stephanikirche mit Schule, Pastorenhaus und seinen sozialen Einrichtungen lag das sogenannte „Gängeviertel“, schmale Gassen mit kleinen Häusern mit meist nur gestampften Lehmböden. Hier lebten früher Fuhrleute, Fischer und Handwerker, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch zahlreiche Zigarrenarbeiter. Mit der raschen Industrialisierung und Verstädterung Ende des vorletzten Jahrhunderts nahm auch die Armut zu. Manch Bremer Bürger machte einen Bogen um dieses Quartier. Es kam nicht von ungefähr, daß sich das Gewerkschaftshaus bis 1928 an der Faulenstraße und die Parteizentrale der SPD am Geeren ansiedelte. Mit dem Bau der Stephanibrücke, damals noch „Westbrücke“ genannt, wurde 1936 ein Teil dieses alten Viertels abgerissen.

Oben: Der Neuengang, der von der Großenstraße abzweigte.

 

Links: Blick über die Dächer des „Krummen Viertels“, abgerissen für den Zubringer der „Westbrücke“

 

 

 

 

 

Die Faulenstraße

Ihr Name hat nichts mit den ‚Sieben Faulen‘ zu tun, sondern sie trägt ihren Namen als alte, unbefestigte „fuule Straat“, als ehemals unbedeutende Ausfahrtsstraße gen Westen. Dazu passt auch das „Doventor“, also ein „taubes“, wenig befahrenes Tor gen Westen. Spätestens mit dem Bau der stadtbremischen Häfen ändert sich dies: in den 1920er Jahren ist die Faulenstraße die verkehrsreichste Straße ganz Bremens. In ihrer Verlängerung – damals Hafenstraße – führte sie direkt über das Stephanitor zum Freihafen.


Blick in die Faulenstraße stadtauswärts, im Hintergrund der Turm des Kaufhauses von Julius Bamberger


„Bambüddel“

„Wir gehen zu Bambüddel“, sagten viele Bremer und meinten damit eines der größten Kaufhäuser in der Stadt, das Julius Bamberger gehörte. 1907 eröffnete er schon sein Kaufhaus, Nähe dem Doventor. Er führte das Geschäft so erfolgreich, dass er weitere Grundstücke erwarb und Ende der 20er Jahre den Turm anbaute.

Die Redewendung, man gehe zu „Bambüddel“, sagt viel über die Wertschätzung aus, welche der jüdische Inhaber Julius Bamberger aufgrund seiner sozialen Einstellung genoß. Etliche Kunden erhielten einen Konfirmandenanzug, auch wenn das Bargeld nicht reichte. Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte nach 1933 blieb Julius Bamberger nichts anderes übrig, als 1937 über Frankreich in die USA zu fliehen. Heute erinnert eine Ausstellung im dem sanierten Bambergerhaus, heute Sitz der VHS, an diese Geschichte.

Links: Erweiterungsbau von 1929. Mit dem Neubau des Architekten C. Behrens-Nicolai entstand eines der seinerzeit modernsten Kaufhäusern der Stadt, mit Rolltreppe und Dachterrasse.

 

 

 

 

 

 

 

Kaffeerösterei August Münchhausen

 

 

Heute ist sie ein Kleinod im Stephaniviertel: die Kaffee-Rösterei von Münchhausen, original ausgestattet gleich einem Kleinmuseum aus den 50er Jahren. Nach alter Tradition wird hier weiter Kaffee geröstet und man kann sich durch die Rösterei von Familienmitgliedern führen lassen.  1938 begann August Münchhausen hier seine eigene Kaffeerösterei auszubauen, nachdem das große Gebäude am Geeren sein Eigentum geworden war.

Im August 1944 (Rechts) wurde es – bis auf das Untergeschoss – zerstört, so dass er nach dem Krieg ganz neu anfangen mußte. In den 50er Jahren nahm die Rösterei wieder hren Betrieb auf und mit dem Wirtschaftswunder begann der große Kaffeeboom.  Hören Sie auch in die Erinnerungen von Jürgen Segelken rein, in den 50ern entwickelte die Firma Münchhausen mit der „Kleinkantine Piccolo“ ein neues Vertriebskonzept.

 


18./19. August 1944
Wie ein Großteil des Bremer Westens fiel auch das Stephaniviertel in dieser Nacht in Schutt und Asche. Lediglich das Haus der Architektenkammer am Geeren und die Drogerie Zinke an der Faulenstraße gehörten zu den wenigen noch erhalten Häusern des ehemaligen Stephaniviertels.

Text und Recherche: Cecilie Eckler von Gleich
Fotos: Geschichtskontor

Zum Weiterlesen: Geschichtskontor / Kulturhaus Walle Brodelpott e.V. (Hrsg.), Das Stephaniviertel, 1860-1960, Edition Temmen, 2008

Verwandte Themen: