Mit dem Namen Familie-David-Platz wurde das Areal vor der Eisdiele nach einer jüdischen Familie benannt, die seit den 1920er Jahren in Walle lebte und arbeitete.
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Das „Kaufhaus des Westens“ (KDW) befand sich an der Kreuzung Bremerhavener Straße / Ecke Vegesacker Straße und war eines der größten Kaufhäuser im Walle. Es hatte mehrere Stockwerke. Eine Filiale für Teppiche und Gardinen befand sich ganz in der Nähe, in der damaligen Landwehrstraße 159 (heute Wartburgstraße 68). Die Familie David steht beispielhaft dafür, wie zur Zeit des Nationalsozialismus jüdische Geschäfte und ihre Besitzer*innen systematisch aus dem Wirtschaftsleben gedrängt wurden.

Boykottaufrufe ab 1933
Der Inhaber des KDW, Bruno David, übernahm das Kaufhaus 1919. Davor arbeitete er im Kaufhaus Bamberger in der Faulenstraße, ebenso wie seine spätere Ehefrau. Anna Rebecka Charlotte, genannt Betty, war lutherisch getauft und konvertierte mit ihrer Hochzeit zum jüdischen Glauben. (Das Foto zeigt das Ehepaar in Venedig) Das Ehepaar hatte einen Sohn, Hans, der bereits im Alter von 19 Jahren verstarb.
Am 1. April 1933 standen vor dem Geschäft SA Männer und riefen zum Boykott auf. 1935 wurde das KDW in einer von der Kreisleitung der NSDAP Bremen herausgegebenen Hetzschrift als jüdisches Geschäft aufgeführt und zum Boykott aufgerufen.
Bruno David starb bereits 1936 an den Folgen eines Schlaganfalls. Nach seinem Tod übernahm Betty David das Stammhaus des KDW alleine und sah sich zunehmendem Druck durch die NSDAP ausgesetzt, ihr Kaufhaus zu verkaufen. Sie wurde gezwungen, einen „arischen“ Geschäftsführer für das Kaufhaus einzustellen. Ein von den Nationalsozialisten geforderter Verkauf an diesen schlug jedoch fehl, da dieser den geforderten Kaufpreis nicht erbringen konnte, wie Unterlagen im Staatsarchiv Bremen belegen. In einem Schreiben vom 7.4.1938 an die Parteileitung wird geschildert, dass der Kaufpreis nicht aufgebracht werden kann und nach anderen Lösung gesucht wird, mit der Inhaberin Betty Meier, die einem Verkauf prinzipiell zustimmen würde, einig zu werden.
Verkauf des Hauptgeschäfts kam nicht zustande
Die Frage, ob mittels dieses kaufmännischen Konstrukts, das KDW dann ein sogenanntes arisches Geschäft sei, wurde der Partei zur Prüfung vorgelegt. Eine Antwort ist nicht überliefert, der Verkauf kam aber offenbar nicht zustande, denn laut Handelsregisterauszug blieb das Kaufhaus des Westens im alleinigen Besitz von Betty David. Dass sie zwei Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes wieder ihren Mädchennamen annahm und sich vom Judentum lossagte, war vielleicht die einzige Möglichkeit für sie, Ihr Kaufhaus und Einkommen zu behalten. Auch diese bedrückend zu lesende Quelle wird im Staatsarchiv Bremen bewahrt.
Besagter Parteigenosse erbeutete hingegen kurz darauf ein anderes Geschäft in Walle- das Herrenbekleidungsgeschäft an der Nordstraße 193 von Sally Silbermann. Dieser Raub zeichnete ihn offenbar für weitere Parteiämter aus, wie ein überliefertes Empfehlungsschreiben aus dem Staatsarchiv belegt: Dort wurde dem Parteigenossen im NS-Jargon bescheinigt, dass der Parteigenosse „bei der Entjudungsaktion ein gutgehendes jüdisches Geschäft übernommen habe“.
Bruder musste Teppichhandel unter Wert verkaufen
Bruno David hatte mehrere Geschwister. Sein jüngerer Bruder Paul David war seit 1926 Geschäftsführer der Filiale für Teppiche und Gardinen in der Landwehrstraße. Mit dem Tode Bruno Davids wurde er zum Erben und Inhaber des Geschäfts. Es firmierte dann unter dem Namen TeGa (Teppich und Gardinen). Paul David lebte mit Ehefrau Maria in einem Haus am Waller Ring 62.
Die Entschädigungsakte von Paul David belegt, dass er 1938 unter Zwang und zu einem viel zu niedrigen Preis seinen Teppichhandel in der Landwehrstraße an einen örtlichen Konkurrenten verkaufen musste. Dieser firmierte bis weit in die 1960er Jahre noch unter dem alten Namen. Paul David hingegen musste Zwangsarbeit leisten und arbeitete als Schaufenstergestalter, u.a. auch in seinem ehemaligen Geschäft
Paul David bemühte sich um Auswanderung. Dazu erwarb er von einer Bremer Familie ein Grundstück in New York. 25.00 RM musste er alleine für die Zustimmung der deutschen Behörden bezahlen. Ihm und Ehefrau Maria gelang es, noch im Januar 1941 über Warschau, Moskau, der Mandschurei und Yokohama in die USA zu emigrieren. Die Wohnung mussten sie bereits vorher aufgeben und in ein sogenanntes Judenhaus an der General Ludendorff-Straße 37. ziehen. Paul David war bei seiner Flucht 44 Jahre alt.
Zwangsarbeit und Flucht in die USA
Das Ehepaar lebte nach seiner abenteuerlichen Flucht zunächst in Brooklyn / New York. Das Umzugsgut der Familie wurde jedoch nicht von der Spedition versandt, sondern zusammen mit dem restlichen Besitz des Ehepaars versteigert. Paul David kämpfte als deutscher Soldat im ersten Weltkrieg und erhielt für eine dort erlittene Versehrung eine kleine Kriegerrente. Diese wurde ihm mit der Auswanderung entzogen. Er selbst fand nur schwer Anschluss an seinen ehemaligen geschäftlichen Erfolgen. Der Terror und die erzwungene Auswanderung hinterließen tiefe gesundheitliche Spuren. Er erlitt mehrerer Herzinfarkte und wurde arbeitsunfähig. In den 1950er Jahren besuchte er Deutschland für einen Kuraufenthalt in Bad Nauheim. Auch Bremen besuchte er im Rahmen eines Wiedergutmachungsverfahrens. Für sein ehemaliges unter Zwang verkauftes Geschäft, das wie das Haupthaus im zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurde, kam es zu einem Vergleich. Der Käufer musste eine größere Summe nachzahlen. Paul David verstarb schwer krank am 1.3.1964. Seine Frau Maria, die in den USA den Namen Mary annahm, verstarb 1984 in Kalifornien.

Das KDW stand noch bis 1942 im Bremer Adressbuch, aus diesem Jahr stammt auch das Foto. Bis zur vollständigen Zerstörung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg diente es für einige Jahre als Unterbringung für Zwangsarbeiter, die auf den Altlas Werken auf der Stephaniekirchenweide schufte mussten.
Betty Meyer, verw. David verstarb 1946 an einem Verkehrsunfall. Sie wurde anders als ihr Sohn und Ehemann nicht auf dem jüdischen Friedhof begraben. Ihr Grab gibt es heute nicht mehr. Das Familiengrab von Hans und Bruno David existiert heute noch auf dem jüdischen Friedhof in Hastedt.
Zum Gedenken an die Familie David:
Bruno David 1886 – 1936
Betty David 1989 – 1946
Paul David 1994 – 1964
Maria (Mary) David: 1904 – 1984
Text und Recherche: Angela Piplak
Quellen StaB: 7,1066-120; 7,1066-121; 4.13/2; 4.75/7 3371; 4.54 E 4288
Weitere Quellen: Bremer Adressbuch 1942
Zum Weiterlesen: Eckler-von Gleich, Cecilie; Kühne Rosie: Juden in Walle – Leben im Stadtteil und Verfolgung während des Nationalsozialismus, Bremen 1990