Auf Einladung der Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden und der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft waren 1989 zum erstenmal Zwangsarbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion in Bremen zu Gast. Der Initiator, der 2025 verstorbene „Friedenspfarrer“ Hartmut Drewes, erinnert sich an den Besuch und dessen Vorgeschichte.
Weiterlesen: Zurück am Ort des Schreckens – der erste Besuch eines ehemaligen ZwangsarbeitersHartmut Drewes, geboren am 11. März 1939 in Hildesheim, gestorben am 05.02.2025 in Bremen, war 28 Jahre lang Pastor in der evangelischen Kirchengemeinde Oslebshausen. Im Sommer 2024 haben Angela Piplak und Ralf Lorenzen Drewes nach seinen Erinnerungen an den ukrainischen Zwangsarbeiter Wladimir Trebuschnoj befragt. Anlass war die Einweihung des Gedenkortes Lager Ulrichsschuppen. Die Antworten fassen wir im Folgenden zu einem leicht bearbeiteten Erinnerungsbericht zusammen. Die Endfassung konnten wir Hartmut Drewes leider nicht mehr vorlegen.

Wir hatten in Oslebshausen Anfang der 1990er Jahre eine kirchliche Jugendgruppe, mit der wir viele Menschen befragt haben, wie sie in Oslebshausen die Nazizeit erlebt haben. Da ging es auch um Zwangsarbeiter. Bei dem Thema hatte die VVN schon Vorarbeit geleistet – das waren die ersten, die sich überhaupt über Zwangsarbeiter Gedanken gemacht haben. Sonst war das ein Thema, das tabuisiert oder vergessen war.
Von der VVN wussten wir, dass es Schuppen im Hafen gab, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren. Viele Befragte konnten sich daran erinnern, dass diese morgens in Kolonnen aus den Lagern zur Arbeit geführt wurden. Wir haben uns die von außen angeguckt, drinnen waren wir nicht. Einmal haben wir zum Gedenken an einen der Schuppen einen Blumenstrauß gehängt.
Ein besonders großes Lager lag am Piepengraben, wo jetzt Sanders ist, da waren ukrainische Zwangsarbeiter untergebracht. Eine ganze Reihe Oslebshauser konnten noch davon berichten, dass sie abends schön gesungen haben. Für viele waren das Russen, aber manche wussten auch, dass es Ukrainer waren.
Die Ukraine wurde als erstes von deutschen Truppen besetzt und junge Leute von dort als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert – die männlichen meistens erst als 17-jährige, die weiblichen zum Teil schon mit vierzehn Jahren. Die sind einfach festgenommen worden, ohne vorher etwas geahnt zu haben, und in einem Güterzug nach Deutschland transportiert worden.
Zum ersten Besuch eines ehemaligen Zwangsarbeiters in Bremen kam es, nachdem wir 1987 als eine kleine Gruppe aus dem kirchlichen Bereich von der Baptistenunion in verschiedene Teile der Sowjetunion eingeladen worden waren. Durch die Arbeit in der Internationalen Christlichen Friedenskonferenz hatte ich viele sowjetische Kirchenleute kennengelernt. Nach einem Gottesdienst in Alma Ata in Kasachstan kam ein Herr auf uns zu und sagte: ich bin auch in Bremen gewesen. Sein Name war Wladimir Trebuschnoj.
Baptist war Herrn Trebuschnoj wohl schon in Bremen geworden, und zwar durch seine Frau, die auch in Norddeutschland als Zwangsarbeiterin gearbeitet hatte und nach dem Krieg nach Kasachstan geschickt worden war. Offenbar haben sie sich nach dem Krieg im Lager für sogenannte Displaced Persons im Bürgerpark kennengelernt. Die Taufe war an einem See im Park, wie sie sich noch erinnern konnte. Sie war Zwangsarbeiterin in einem Landwirtschaftsbetrieb – dort habe sie nicht besonders gelitten, sagte sie. Sie hatte einen deutschen Großvater und konnte durch diese Verbindung auch etwas Deutsch. Dadurch hatte sie es etwas einfacher, was bei ihrem Mann überhaupt nicht der Fall war.
„Ich habe sie gleich eingeladen, um die Bremer Öffentlichkeit auf diese Zeit aufmerksam zu machen.“
Das war nicht so einfach, sowohl von den Seiten der Baptisten her als auch von Seiten der russischen Regierung. Aber ich habe die Einladung persönlich ausgesprochen und hatte einen guten Kontakt zum Botschaftsrat der Sowjetunion in Bonn. Der war sehr geneigt, Hilfe zu leisten und hat es tatsächlich geschafft.
Aber dann war da noch die Gemeinde – Zwangsarbeiter hatten keinen guten Ruf, das rührte noch aus der Stalinzeit. Alle Leute, die lebend aus dem Krieg zurückkamen, egal ob Soldaten oder Zwangsarbeiter, galten als halbe Verräter. Die hatten es nicht einfach nach dem Krieg. Wenn rauskam, dass ein Lehrer Zwangsarbeiter gewesen war, dann stellten die Schüler unangenehme Fragen wie: Wieso sind Sie zurückgekommen? Als Wladimir Trebuschnoj in die Sowjetunion heimkehrte, kam er nicht in die Ukraine, seine Heimat, sondern weit weg nach Kasachstan. Nach dieser Zwangsarbeiterzeit, dieser Hungerzeit, musste er erstmal drei Jahre zum Militär. Dann hat er sich eingelebt.
Um die Besuchserlaubnis gab es in der Gemeinde also ein Hin und Her, mit Endergebnis, dass der Superintendent darauf bestand, Herrn Trebuschnoj und seine Frau zu begleiten. Außerdem war noch ein Dolmetscher dabei. Vor dem ersten Besuch habe ich Kontakt mit der Firma aufgenommen, der die Schuppen gehörten. Den, wo die Franzosen waren, habe ich mir vorher angesehen. Er war voller Papierrollen und ich sah nur einen kleinen Ausschnitt der Wandmalerei. Der Leiter des Betriebes war sehr entgegenkommend und als ich ihm sagte, dass Herr Trebuschnoi kommen würde, sagte er: ja, dann sorgen wir dafür, dass das freigeräumt wird. Die Papierrollen kamen woanders hin, so war die ganze Wand frei. Dann habe ich den Fotografen Rolf Eckenrodt angerufen, um diese Wandbilder aufzunehmen – beziehungsweise, was davon zu sehen war.

Und dann konnten wir das auch Herrn Trebuschnoj zeigen. Den Schuppen der Franzosen hatten sie nie von innen gesehen. Und auch nie Farbe gehabt, um selbst solche Bilder zu malen. Draußen bemerkten wir auf dieser abfallenden Wiese zum Wasser hin eigentümliche Pflanzen, das war Knoblauch. Die französischen Gefangenen hatten offenbar Knoblauch-Zwiebeln geschickt bekommen, die dareingesetzt und hatten dann zu ihrem Essen Knoblauch.
Dann sind wir zu dem Schuppen gegangen, in dem er selbst war. Es war alles sehr bewegend für ihn, das wiederzusehen. Und es flammten natürlich auch Erinnerungen auf – nicht gerade schöne. Wladimir Trebuschnoj war 17 Jahre alt und musste sehr hart arbeiten. Die Russen und Polen kriegten sehr viel weniger zu essen als die Franzosen, die wie Kriegsgefangene behandelt wurden und ausreichend zu essen hatten. Sie hatten auch Postverbindungen nach Frankreich und bekamen von ihren Verwandten Schokolade geschickt.
Herr Trebuschnoj hat erzählt: „Wir sahen das ja durch den Zaun. Und wir hatten natürlich nichts. Wir kriegten eine Schnitte Brot morgens und mittags kriegten wir kein Essen und abends gab es noch mal so eine plörrige Suppe, da konnte man froh sein, wenn da ein paar Kartoffelschalen drin schwammen.“ Sie kriegten eine Hungerration und mussten schwer arbeiten. In der Mühle – glaube ich – mussten sie zum Teil Ein- bis Zwei- Zentner-Säcke schleppen. Sie haben dann auch essbare Sachen, die sie auf der Straße fanden, aufgelesen. Wenn jemand eine Schale Kartoffeln sah, stürzte er darauf, um die sofort zu essen.
„Herr Trebuschnoj fing an zu weinen, als er vom Einsatz in einem zerstörten Bunker und den vielen toten Kindern erzählte. Obwohl es die Kinder seiner Feinde waren, hat ihn das sehr berührt.“
Er war erst auf der Admiral Brommy untergebracht. Nachdem die bombardiert worden war, wurde er in einen der Ulrichsschuppen verfrachtet, den rechten, wenn man davorstand, wo die sowjetischen Zwangsarbeiter untergebracht waren. Wahrscheinlich mussten sie erstmal auf dem Erdboden campieren. Es war total spartanisch, da war nichts hergerichtet, es gab keine Betten. Später hatte jeder eine Pritsche und es gab wohl in einem Schuppen einen Ofen. Ich denke, sie haben sich auf diesem Ofen etwas zubereitet, wenn sie draußen irgendetwas fanden, das essbar war.
Bei Luftangriffen gingen die Wachdienste in die Bunker, die Zwangsarbeiter mussten draußen bleiben und hatten furchtbare Angst, getroffen zu werden. Als die Bombardierungen stärker wurden, mussten sie am Wochenende zusätzlich Aufräumungsarbeiten machen. Viele haben das nicht durchgehalten, nur die Stärksten, die eine gute Gesundheit hatten und vieles seelisch bewältigen konnten. Herr Trebuschnoj fing an zu weinen, als er vom Einsatz in einem zerstörten Bunker und den vielen toten Kindern erzählte. Obwohl es die Kinder seiner Feinde waren, hat ihn das sehr berührt.
Er erzählte auch, dass Gefangene hingerichtet wurden, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht weil sie irgendwas gestohlen haben. Die anderen wurden gezwungen, das mit anzusehen. Ich weiß nicht mehr, ob sie erschossen oder aufgehängt wurden, nur dass sie in dieser Brutalität behandelt wurden – nicht nur hungern mussten, schwer arbeiten mussten, sondern auch das noch mit ansehen.
Das Ehepaar Trebuschnoi hat Bremen später noch mehrmals besucht. Ihr ältester Sohn ist schon kurz vor der Wende in der Gorbatschow-Ära nach Deutschland gegangen. Die anderen Kinder gingen auch alle rüber und dann kamen natürlich die Eltern aus der Sowjetunion und besuchten sie. Frau Trebuschnoi war ja halbdeutscher Herkunft und dadurch konnten sie einen Visa-Antrag stellen. Ich glaube, einige von den Kindern sind auch in die USA gegangen und haben da ihr Glück gesucht, da sind sie auch mal hingefahren. Das war der verlockende Westen, der doch sehr anzog. Herr Trebuschnoi starb vor seiner Frau und schließlich ist sie auch aus Kasachstan weggezogen und hat, glaube ich, beim ältesten Sohn gelebt.
Später kamen durch den Leiter des Staatsarchivs, Hartmut Müller, mehrere Zwangsarbeiter aus Russland, aus Weißrussland, aus der Ukraine, usw. nach Bremen, er hat das richtig organisiert. Müller hat es auch mit jemandem aus dem Denkmalsamt bewerkstelligt, dass die Bilder erhalten wurden. Er hat ein Verfahren gefunden, mit dem man die Bilder abnehmen konnte. Das war ein Glücksfall. Dann hat man sie auch noch ein bisschen ergänzt, glaube ich. Ein Teil davon war eine Zeit lang im Staatsarchiv ausgestellt.
„Wir hätten es gern gesehen, die ganzen Schuppen als einen Gedenkort einzurichten. Aber das war schwierig“.
Wir hätten es gern gesehen, die ganzen Schuppen als einen Gedenkort einzurichten. Aber das war schwierig. Die Firma war auf der einen Seite nicht abgeneigt, aber auf der anderen Seite brauchte sie die Schuppen noch für das Geschäft. Es wurde auf jeden Fall nicht realisiert, meistens wurde gesagt das ist zu teuer, das können wir gar nicht bezahlen. Ich wollte auch, dass in den Bunker an der Oslebshausener Heerstraße ein Friedensmuseum reinkommt, aber da hat mir dann die Kulturbehörde geschrieben, dass sie dafür kein Geld habe. Das wurde schnell abgetan. An die Außenfassade kam eine multimediale Wandmalerei, die dann wieder wegkam, weil der Bürgerverein die nicht haben wollten.
Es ist natürlich gut, dass dieses Denkmal jetzt überhaupt kommt. Es hat lange gedauert, 80 Jahre nach dem Geschehen und auch noch mal ungefähr 40 Jahre, nachdem Herr Trebuschnoi dort zu Besuch war. Ich finde es aber immer besser, wenn das auch mit dem Leben verbunden wird, also mit Veranstaltungen, bei denen ein Austausch stattfindet.
Aufgezeichnet und bearbeitet von: Ralf Lorenzen, Angela Piplak
Zum Weiterlesen: Erinnerungen an das schreckliche Bremen (taz, 3.5.1089)
Buchtipp: Friedenspolitik in Bremen/Hartmut Drewes – Für eine Welt ohne Krieg und Gewalt
