Mitten in Walle – Von Nachbarn denunziert, von Polizisten erfasst

Es ist der heutigen Bebauung nicht anzusehen – aber während der NS-Zeit wurde ein Gelände in der Stiftstraße in Walle als Wohnwagenplatz genutzt. Solche Plätze gab es an vielen Orten der Stadt – in Bremen vor allem in den westlichen Stadtteilen Gröpelingen, Walle und Findorff.

 

Auf diesen Plätzen waren die Familien gemeldet und lebten dort auch die meiste Zeit des Jahres – als Händler, Schausteller, Musiker oder Handwerker. Bis weit in die 1930er Jahre hinein zogen viele mit ihren Wagen auch noch von Ort zu Ort, um ihren Geschäften nachzugehen oder sich mit Familienangehörigen in anderen Städten zu treffen.

 

 

Festsetzung und systematische Erfassung

Ab Oktober 1939 galt der Festsetzungserlass, wonach Sinti und Roma ohne Einwilligung der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ ihren Wohnsitz nicht verlassen durften.

So eine Dienststelle war seit Ende 1938 bei jeder Kriminalpolizeileistelle im Reichsgebiet einzurichten und konnte in Bremen wohl auf eine Vorgänger-Behörde zurückgreifen, die ein spezielles Augenmerk auf die „Zigeuner“ hatte. Die Sinti und Roma waren schon in der Weimarer Republik einer Sonderbehandlung ausgesetzt. Spätestens mit der Einrichtung der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ im Polizeihaus begann auch in Bremen ihre systematische Erfassung. Das Kripoleistellengebiet umfasste dabei den gesamten Weser-Ems-Raum.

 

 

Mitarbeiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle in Berlin reisen Ende der 1930er Jahre in „Fliegenden Arbeitsgruppen“ durchs Land und erfassen die ca. 30.000 im Deutschen Reich leben Sinti und Roma fast vollständig. Hier sind der Leiter Robert Ritter und seine Stellvertreterin Eva Justin persönlich bei der Arbeit. (Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1987-114-73.)

 

 

Der Bremer Sinto Rudolf Franz berichtete in dem späteren Verfahren gegen den Leiter des Bremer „Zigeunerdezernats“ Wilhelm Mündtrath vom Beginn der Verfolgungsmaßnahmen (gelesen vom Schauspieler Rolf Becker):

Falsche Beschuldigungen

Ab 1940 ging die Phase der Repressionen und Vertreibungen in systematische Verfolgung über.

Von der ersten Deportationswelle, die in die Konzentrationslager des Generalgouvernements führten, blieben die meisten Bremer Familien noch verschont. Sie gerieten aber zunehmend unter Druck, nicht nur der Polizei, sondern auch der „normalen“ Bevölkerung.

Dies zeigt besonders eindrücklich eine ‘Beschwerde’ vom Oktober 1941. In einem Schreiben an die Kreisleitung der NSDAP in Bremen ‘beschwerte’ sich die Ortsgruppe „Wilhelm Decker“ über „die unglaublichsten Zustände“, die angeblich in der Stiftstraße vor sich gingen.

Unglaublich waren die Schilderungen der Ortsgruppe im wahrste Sinne des Wortes. Zu der ‘Beschwerde’, dass mit „Flinten … dauernd nach Vögeln“ geschossen wurde erklärte der Blockleiter Georg Kück in einem Bericht des Polizeipräsidenten, dass ihm mal ein Soldat erzählt habe, er hätte gesehen, dass ein Bewohner des Platzes in diesem Sommer mit einem Luftgewehr nach Spatzen geschossen habe.“ Der Bericht hielt fest, dass „gegenwärtig … kein Grund zu polizeilichem Einschreiten“ vorlag.

Das Zeugnis der Denunziation im Bremer Staatsarchiv

 „Unangenehme Nachbarschaft“

Eine andere Beschwerde besagte, dass die Tochter des Blockleiters Schmidt abends von einer Person unsittlich angefasst worden sei. Die Ermittlungen der Polizei ergaben, „dass es sich bei dieser Person um eine Zigeunerin handelt, die ihren Schuh verloren hatte und beim Suchen in der Dunkelheit offenbar unabsichtlich die Ortgies berührt hat.“

Obwohl es sich ganz offensichtlich um bloße Unterstellungen handelte, hatte die Polizei durchaus Verständnis für die Absichten der Ortsgruppe. In dem Bericht heißt es:

„Im Übrigen hat es den Anschein, dass die Unterzeichner der Beschwerde die durchaus verständliche Absicht verfolgen, von der unangenehmen Nachbarschaft der Zigeuner befreit zu werden.“

Mit dem sogenannten Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942 wurde dann die Endphase des Völkermordes eingeleitet.

Auf Initiative des Landes Bremen und des damaligen Bürgermeisters Klaus Wedemeier ist der 16. Dezember seit 1983 der nationale Gedenktag an den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma.

 

Rolf Becker in: „Drei Tage im März – vom Schlachthof nach Auschwitz“; dokumentarisches Musiktheater von Dardo Balke und Ralf Lorenzen; Kulturzentrum Schlachthof Bremen; März 2019. Rechts oben: Romano Haustein und Sissi Zängerle. (Foto: Margrit Weidenkeller)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vertiefung:

Der ignorierte Gedenktag; taz vom 16.12.2019

Zu den anderen Stationen des Rundgangs:

Start: Vom Waller Friedhof zum alten Schlachthof – auf den Spuren der Sinti und Roma im Bremer Westen

  1. Waller Friedhof – ein Grab als Denkmal
  2. Mitten in Walle – Von Nachbarn denunziert, von Polizisten erfasst
  3. Leben auf der Parzelle – Ein Schmuckstück und eine Liste
  4. Blütenstraße – Wohnort des Haupttäters
  5. Gothaer Straße – Als Schulkind deportiert
  6. Am Torfhafen – Anzeige gegen den Haupttäter
  7. Findorffstraße 99 – Mit den Betten zum Schlachthof gebracht
  8. Schlachthof – Drei Tage im März
  9. Die Spur der Steine – Für einen würdigen Gedenkort
  10. Musikalischer Ausklang mit dem Dardo Balke-Trio

 

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